Anastasia Tochter der Taiga

Anastasia Tochter der Taiga
Wladimir Megre
Anastasia – Tochter der Taiga
Wladimir Megre Anastasia
Anastasia
Band 1:
Tochter der Taiga
aus dem Russischen übersetzt von
Helmut Kunkel
«Die vorliegende neue deutsche Übersetzung entstand in
enger Zusammenarbeit mit meinen Vertrauenspersonen
in Deutschland, sodass sichergestellt ist, dass sie in jeder
Hinsicht inhaltsgetreu und vollständig ist. Ich danke dem
Govinda-Verlag, dass er bereit ist, die Anastasia-Bände
l bis 5 herauszugeben, und freue mich über die angenehme
Zusammenarbeit im Sinne Anastasias.»
– Wladimir Megre
Govinda-Verlag
Neuhausen • Jestetten
Herausgegeben von Ronald Zürrer
Weitere Titel von Wladimir Megre zu Anastasia:
Band 2: Anastasia — Die klingenden Zedern Russlands
Band 3: Anastasia — Raum der Liebe
Band 4: Anastasia – Schöpfung
Band 5: Anastasia – Wer sind wir?
Band 6: Anastasia — Das Wissen der Ahnen
zu beziehen bei:
Schweiz: Govinda-Verlag, Postfach 257, 8212 Neuhausen 2
Deutschland: Govinda-Verlag, Postfach 1226, 79795 Jestetten
Internet: govinda.ch
Informationen über Anastasia-Lesertreffen, Arbeitskreise, Veranstaltungen,
Zedernprodukte und weitere Projekte:
Schweiz: anastasia.ch, elodia.ch
Deutschland: anastasia-de.com, zedernprodukte.de
Russland: anastasia.ru
Erste Auflage – November 2003
© 2003 Govinda-Verlag GmbH
Alle Rechte vorbehalten.
Originaltitel: AHaCTdCMfl
Übersetzung, Lektorat und Layout: Helmut Kunkel, Jestetten
Umschlaggestaltung: Anandini Zürrer, Zürich
Umschlagbild: © Kursiv
Gesamtherstellung: Ueberreuter Buchproduktion GmbH
Printed in Austria
ISBN 3-906347-65-6 (gebundene Ausgabe)
ISBN 3-906347-66-4 (Taschenbuchausgabe)
Inhalt
1 Die klingende Zeder 7
2 Die Begegnung 23
3 Tier oder Mensch? 29
4 Was für Menschen sind das? 33
5 Ein Schlafzimmer im Wald 38
6 Anastasias Morgen 40
7 Anastasias Strahl 43
8 Ein Konzert in der Taiga 51
9 Einen neuen Stern entfachen 57
10 Anastasias Vorliebe für Gartenfreunde 70
11 Einige von Anastasias Ratschlägen 74Anastasia Tochter der Taiga
12 Träumen unter dem eigenen Stern 86
13 Kindeserziehung 88
14 Das Waldgymnasium 94
15 Aufmerksamkeit gegenüber den Mitmenschen 96
16 Fliegende Untertassen? Nichts Besonderes! 102
17 Das Gehirn, ein Supercomputer 108
18 «In ihm war Leben, und das Leben war
das Licht der Menschen …» 116
19 Man muss seine Weltauffassung ändern 120
20 Eine Todsünde 123
21 Wie im Paradies 127
22 Wer soll den Sohn aufziehen? 131
23 Einige Zeit später 135
24 Ein seltsames Mädchen 137
25 Es kribbelt und krabbelt 145
26 Träume erschaffen die Zukunft 148
27 Die Entrückung aus dem Zeitalter der Dunkelmächte 159
28 Starke Menschen 169
29 Wer bist du, Anastasia? 179
Nachwort 183
Über den Autor 189
l
Die klingende Zeder
Im Frühjahr 1994 charterte ich drei Schiffe, mit denen ich eine viermonatige
Geschäftsreise auf dem sibirischen Fluss Ob unternahm:
von Nowosibirsk nach Salehard und zurück. Ziel und Zweck dieser
Reise war es, wirtschaftliche Beziehungen zum hohen Norden zu
knüpfen.
Wir nannten unsere Expedition «Handelskarawane». Das größte
Schiff war ein Passagierboot namens «Patrice Lumumba». (Merkwürdigerweise
tragen die Schiffe der westsibirischen Flussschifffahrt
Namen wie «Maria Uljanowa», «Patrice Lumumba» und «Michail
Kalinin», als gäbe es keine bedeutenderen historischen Persönlichkeiten.)
An Bord der «Patrice Lumumba» befanden sich außer der
Besatzung die Führung der Karawane, eine Ausstellung mit Produkten
sibirischer Händler sowie ein Laden.
Die Schiffe sollten eine Strecke von 3500 Kilometern nordwärts
zurücklegen und sowohl große Städte wie Tomsk, Nishnewartowsk,
Hanty-Mansijsk und Salehard als auch kleine, unbedeutende Orte
anlaufen, wo Frachtgüter nur zu bestimmten Zeiten angeliefert werden
können.
Tagsüber legten wir unsere Schiffe vor Anker und verkauften
Waren oder führten Verhandlungen zur Knüpfung von festen Handelsbeziehungen.
Die Nacht wurde in der Regel benutzt, um Fahrt
zu machen. Wenn aber der Fluss aufgrund von schlechtem Wetter
unbefahrbar war, lief das Stabsschiff den nächsten Hafen an, und
wir veranstalteten dort einen Kulturabend für die einheimische Jugend.
Solche Veranstaltungen finden dort nur sehr selten statt, denn
die Klub- und Kulturhäuser sind jetzt größtenteils verfallen.
Manchmal sahen wir den ganzen Tag keine einzige Ortschaft –
nur die Taiga, die sich endlos zu beiden Seiten des Ufers erstreckt,
und den Fluss, die einzige Verkehrsader weit und breit. Damals
ahnte ich noch nicht, dass in dieser Gegend einst eine Begegnung
stattfinden würde, die mein Leben von Grund auf verändern sollte.
Eines Tages dann – wir waren bereits auf dem Rückweg und
hielten auf Nowosibirsk zu – ließ ich unser Hauptschiff bei einem
kleinen Dorf festmachen, das aus nicht mehr als paar Häuschen
bestand und einige Dutzend Kilometer von der nächsten größeren
Ortschaft entfernt war. Ich hatte einen Aufenthalt von drei Stunden
geplant, in denen sich die Besatzung am Lande erholen konnte.
Gleichzeitig sollten die Ortsbewohner bei uns Industriewaren und
Lebensmittel kaufen können, und wir wollten die Gelegenheit nutzen,
bei ihnen Wildfrüchte und Fisch billig zu erwerben.
Während des Aufenthalts wandten sich zwei einheimische Alte
(dafür hielt ich sie damals) mit einer merkwürdigen Bitte an mich.
Der Ältere der beiden, der einen langen, grauen Vollbart trug,
schwieg die ganze Zeit. Der andere, der etwas jünger war, versuchte
mich zu überreden, ihnen 50 Leute zur Verfügung zu stellen (die
gesamte Besatzung zählte nicht mehr als 65 Mann), die sie in die
Taiga mitnehmen wollten, zu einem Ort, der 25 Kilometer von der
Anlegestelle entfernt lag. Dort sollte es einen besonderen Baum
geben, den sie «klingende Zeder» nannten und den sie fällen wollten.
Diese vierzig Meter hohe Zeder* sollte außerdem in kleine,
handliche Stücke zersägt und dann zum Boot getragen werden. Wir
sollten die Stücke restlos mitnehmen und später in noch kleinere
Teile zersägen. Jeder sollte dann ein Stück an sich nehmen, und die
Eigentlich handelt es sich bei diesem Baum (lat.: Pinus sibiricd) nicht um eine
echte Zeder, aber da man ihn im russischen Sprachgebrauch Kedr nennt,
spricht man auch im Deutschen oft von der «sibirischen Zeder». In dieser
Buchserie haben wir es bei diesem volkstümlichen Ausdruck belassen, auch
wenn in botanischer Hinsicht «Zirbelkiefer» oder «Arve» korrekter wäre.
übrigen Stücke sollten unter unseren Angehörigen, Bekannten und
allen anderen, die sich über ein solches Geschenk freuen würden,
verteilt werden.
Der Alte meinte, diese Zeder sei etwas Besonderes und die
Stückchen solle man an einer Schnur auf der Brust tragen. Man
solle sich eines davon anlegen, während man barfuß auf dem Gras
stehe und es mit der linken Hand an die nackte Brust drücke. Nach
einer Minute werde man eine angenehme, von der Zeder ausgehende
Wärme spüren und dann werde ein leichtes Zittern den Körper
durchlaufen. Ab und zu solle man, wann immer man möchte, die
Seite des Holzstückchens, die den Körper nicht berührt, mit den
Fingerspitzen reiben, während man es von der anderen Seite mit
den Daumen hält. Schon nach drei Monaten, so behauptete der
Alte, werde sich der Mensch bedeutend besser fühlen und werde
von vielen Krankheiten geheilt werden.
«Auch von Aids?», fragte ich, nachdem ich ihnen mitgeteilt
hatte, was ich über diese Krankheit aus Presseberichten wusste. Der
Alte versicherte mir: «Von allen Krankheiten.»
Das war aber seiner Meinung nach gar nicht so besonders. Die
Haupteigenschaft der Zedernstückchen bestehe darin, dass sein Besitzer
herzlicher, erfolgreicher und begabter werde.
Von der Heilkraft der sibirischen Taiga-Zeder hatte ich bereits
gehört, aber dass sie auch Gefühle und Fähigkeiten beeinflussen
konnte, erschien mir damals unglaubwürdig. Ich dachte: «Vielleicht
wollen die Alten für diese angeblich besondere Zeder Geld von mir
haben.» Ich erklärte ihnen also, dass in der modernen Welt die Frauen
Gold- und Silberschmuck tragen, um anderen zu gefallen, und
dass sie für ein Stückchen Holz schwerlich etwas ausgeben würden.
Deshalb würde auch ich kein Geld dareinstecken wollen.
«Sie tragen es nur», entgegnete der Alte, «weil sie nicht wissen,
dass Gold im Vergleich zu einem Stück Zeder reiner Klimbim ist.
Aber wir sind nicht auf Geld aus. Wir können euch obendrein sogar
noch getrockenete Pilze geben; für uns selber brauchen wir nichts.»
Aus Achtung vor ihrem Alter wollte ich nicht weiter streiten und
sagte: «Nun, vielleicht wird jemand ein Stück von Ihrer Zeder tragen,
wenn ein großer Holzschnitzer mit seinem Messer ein Kunstwerk
daraus schafft …»
Doch darauf erwiderte der Alte: «Natürlich kann man daraus
etwas schnitzen, aber Reiben und Polieren ist besser. Am besten aber
ist es, wenn man es mit seinen eigenen Fingern reibt, wann immer
die Seele es wünscht; dann wird das Holz auch äußerlich schön sein.»
Dabei knöpfte der jüngere Alte hastig seine zerschlissene Jacke und
sein Hemd auf, und ich erblickte auf seiner Brust ein gewölbtes,
rundlich-ovales Holzstück. Seine bunten Farben – violett, weinrot,
fuchsrot – bildeten ein kompliziertes Muster mit Holzadern, die
wie winzige Bäche wirkten. Ich bin zwar kein Kunstkenner, habe
aber in meinem Leben hin und wieder Gemäldegalerien besucht.
Die weltberühmten Meisterwerke haben bei mir keine besonderen
Gefühle hervorgerufen, doch der Anhänger auf der Brust des Alten
beeindruckte mich sehr – mehr als ein Besuch in der Tretjakow-
Galerie*.
Ich fragte: «Wie lange haben Sie denn an Ihrem Zedernstück
poliert?»
«Dreiundneunzig Jahre», antwortete der Alte.
«Und wie alt sind Sie?»
«Hundertneunzehn.»
Damals glaubte ich ihm nicht, denn er sah aus wie ein Fünfundsiebzigjähriger.
Ohne meine Zweifel zu bemerken oder zu
beachten, versuchte er mich nun leidenschaftlich davon zu überzeugen,
dass ein solches Holzstück auch bei anderen schon nach
drei Jahren ebenso schön sein werde, wenn es nur von den Fingern
des Besitzers gerieben werde, und danach immer schöner –
besonders bei Frauen. Vom Körper des Trägers werde ein angenehmer
Duft ausgehen, der alle künstlichen, menschengemachten
Duftstoffe bei weitem übertreffe.
Von den beiden Alten ging tatsächlich ein Wohlgeruch aus,
den ich ganz deutlich wahrnahm, obwohl ich rauche und mein
* riesige Galerie in Moskau mit der weltweit bedeutendsten Sammlung russischer
Malerei.
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Geruchssinn, wie wohl bei den meisten Rauchern, ziemlich beeinträchtigt ist.
Und noch etwas Seltsames …
Während die beiden sprachen, fielen mir plötzlich Redewendungen
und Gedanken auf, die bei Einwohnern des hohen Nordens gar
nicht üblich sind. An einige erinnere ich mich noch heute, sogar an
die Intonation. So sagte der Alte:
«Gott erschuf die Zeder als Speicher kosmischer Energien …
Von einem Menschen, der Liebe empfindet, geht eine Strahlung
aus. In Bruchteilen einer Sekunde wird diese Strahlung von den
Planeten im Weltall auf die Erde zurückgeworfen, erreicht wieder
die Erde und nährt alles Leben hier …
Die Sonne ist ein Planet, der nur einen Teil des Spektrums dieser
Strahlung reflektiert…
In den Kosmos steigt vom Menschen nur lichte Strahlung, und
aus dem Kosmos gelangt auf die Erde nur wohltuende Strahlung …
Von einem Menschen boshafter Gesinnung geht eine dunkle Strahlung
aus, die nicht hinaufsteigen kann, sondern in das Innere der
Erde gelangt. Von dort zurückgeworfen, kehrt sie wieder an die
Oberfläche zurück – in Form von Vulkanausbrüchen, Erdbeben
und Kriegen …
Die stärkste Wirkung der reflektierten dunklen Strahlung unmittelbar
auf den Menschen besteht darin, dass seine bösen Gefühle
verstärkt werden …
Die Zeder lebt 550 Jahre. Mit Millionen ihrer Nadeln empfängt
und speichert sie Tag und Nacht lichte Energie, und zwar das ganze
Spektrum. Im Laufe des Lebens der Zeder bewegen sich über sie alle
Himmelskörper hinweg, die diese Lichtenergie reflektieren …
Selbst ein kleines Stückchen Zeder enthält mehr dem Menschen
wohltuende Energie als alle von Menschenhand geschaffenen Energieanlagen
auf der Erde zusammengenommen …
Die Zeder nimmt die vom Menschen ausgehende Energie durch
den Kosmos auf, speichert sie und gibt sie wieder ab, wenn es daran
im Kosmos und folglich auch im Menschen und allem anderen
Leben mangelt…
u
In seltenen Fällen gibt es Zedern, die ihre gespeicherte Energie
nicht abgeben. Nach fünfhundert Lebensjahren beginnen sie zu klingen.
Mit diesem Zeichen teilen sie den Menschen mit, dass diese sie
absägen und mitnehmen können, um die gespeicherte Energie auf
der Erde zu nutzen. So bittet die Zeder mit ihrem Klang drei Jahre
lang. Wenn sie in dieser Zeit nicht von Menschen berührt wird,
verliert sie die Möglichkeit, ihre Energie unmittelbar an den Menschen
abzugeben. Da sie ihre Energie auch nicht an den Kosmos
zurückgeben kann, beginnt sie nach drei Jahren, die Energie in sich
zu verbrennen. Dieses qualvolle Sterben durch Selbstverbrennung
dauert 27 Jahre.»
Der Alte fuhr fort: «Vor kurzem haben wir eine solche Zeder
entdeckt und festgestellt, dass sie schon seit zwei Jahren klingt —
leise vor sich hin klingt. Sehr leise. Vielleicht versucht sie auf diese
Weise ihr Bitten auf längere Zeit auszudehnen, aber ihr bleibt nur
noch ein Jahr. Deshalb soll sie gefällt und an die Menschen verteilt
werden.»
Der Alte sprach lange, und aus irgendeinem Grund hörte ich
ihm zu. Die Stimme des merkwürdigen alten Sibiriers klang bald
ruhig und sicher, bald erregt. Wenn er unruhig wurde, fingerte er
nervös an seinem Stückchen Zeder herum, fast als spiele er auf einem
Musikinstrument.
Es war kalt am Ufer, und vom Fluss her blies ein kräftiger Herbstwind.
Die grauen Haare der Greise flatterten im kalten Wind, doch
der sprechende Alte ließ seine Jacke und sein Hemd aufgeknöpft.
Die ganze Zeit rieb er mit seinen Fingerspitzen an dem Zedernstückchen
auf seiner Brust und versuchte, mir dessen Bedeutung zu
erklären.
Dann kam eine Mitarbeiterin meiner Firma, Lydia Petrowna,
vom Schiff zu uns ans Ufer und teilte mir mit, alle Mann seien an
Bord, das Schiff sei bereit zur Abfahrt und man warte nur darauf,
dass ich das Gespräch beende. Ich verabschiedete mich also von den
Alten und ging schnell an Bord. Ihrer Bitte konnte ich aus zwei
Gründen nicht nachkommen: Der verlängerte Aufenthalt von etwa
drei Tagen hätte große Verluste gebracht, und außerdem hielt ich
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damals alles, was sie mir erzählt hatten, für Übertreibungen und
Aberglauben.
Am nächsten Tag fiel mir bei unserer morgendlichen Besprechung
auf, wie Lydia Petrowna ein Zedernstück betastete, das sie
um den Hals trug. Später erzählte sie mir, dass sie noch ein wenig
an Land geblieben war, während ich an Bord ging. Dort habe sie
beobachtet, wie der Alte, der mit mir gesprochen hatte, ganz verstört
bald mir nachschaute, bald seinen Gefährten ansah und sich
aufgeregt Vorwürfe machte:
«Warum nur? Warum haben sie es nicht verstanden? Ich kann
einfach nicht richtig in ihrer Sprache reden. Ach, ich konnte ihn
nicht überzeugen! Hab’s einfach nicht geschafft. Warum nur? Vater,
sag doch was!»
Der Ältere legte seinem Sohn die Hand auf die Schulter und
erwiderte: «Ja, du warst nicht überzeugend. Sie haben nichts begriffen.
»
«Ich war bereits auf den Schiffstreppen», fuhr Lydia Petrowna
fort, «da lief mir der Alte, mit dem du gesprochen hattest, plötzlich
nach, nahm mich an der Hand und führte mich zurück auf
das Gras. Dann holte er hastig einen Bindfaden aus der Tasche, an
dem dieses Stück Zedernholz hing, hängte es mir um den Hals und
drückte es mir mit meiner und seiner Handfläche an die Brust. Dabei
spürte ich, wie ein Zittern meinen Körper durchlief. Das alles
ging so schnell, dass ich gar nichts sagen konnte. Als ich wegging,
rief er mir hinterher: <Gute Reise und viel Glück! Bitte kommt
nächstes Jahr wieder! Alles Gute! Wir werden hier auf euch warten.
Gute Reise!>
Als das Schiff ablegte, winkte uns der Alte noch lange hinterher,
dann setzte er sich plötzlich ins Gras. Ich beobachtete sie durch ein
Fernglas. Ich sah, wie der Alte, der mit dir gesprochen und mir dann
das Stück Zeder gegeben hatte, im Gras saß und heftig mit den
Schultern zuckte. Der Ältere, der mit dem langen Bart, beugte sich
über ihn und strich ihm tröstend über den Kopf.»
Aufgrund von Geldsorgen, meiner Buchhaltung und dem Abschlussbankett
unserer Reise hatte ich die beiden seltsamen Sibirier
bald vergessen.
Nach der Rückkehr des Dampfers nach Nowosibirsk bekam ich
plötzlich heftige Schmerzen. Ich suchte einen Arzt auf, und die Diagnose
lautete: Zwölffingerdarmgeschwür und Osteochondrose der
Wirbelsäule im Brustbereich.
In der Ruhe des Krankenhauses war ich vor den täglichen Sorgen
behütet. Mein luxuriöses Einbettzimmer ermöglichte mir, die
Ergebnisse der viermonatigen Reise in aller Ruhe zu analysieren und
Pläne für die nächste Geschäftsreise zu schmieden. Doch in meinen
Gedanken rückte alles, was damit zusammenhing, in den Hintergrund,
und in den Vordergrund traten aus irgendeinem Grund
immer wieder die Alten und ihre Geschichte von der Zeder.
Auf meine Bitte hin wurden mir verschiedene Bücher über Zedern
gebracht. In Gedanken verglich ich das Gelesene mit den Beschreibungen
des Alten, und je mehr ich las, desto mehr wunderte
ich mich. Schließlich begann ich den Worten des Alten Glauben zu
schenken. Immerhin lag ja anscheinend einige Wahrheit in ihren
Worten, und wer weiß, vielleicht stimmte sogar alles, was sie gesagt
hatten.
In Büchern über Volksmedizin wird viel von den Heilkräften
der Zedern berichtet. Alle Teile der Zeder, so heißt es dort – von
den Nadeln bis zur Rinde -, sind mit hochwirksamen Heilkräften
ausgestattet. Das Zedernholz sieht sehr schön aus und wird von
Bildhauermeistern für Schnitzereien verwendet. Man stellt daraus
Möbel und Schallböden für Musikinstrumente her. Die Zedernnadeln
enthalten hochwirksame Phytonzide, die die Luft schnell
desinfizieren. Das Zedernholz hat einen sehr angenehmen Balsamduft.
Ein kleines Stück Zedernholz im Haus ist ein bewährtes Mittel
gegen Motten.
In der populärwissenschaftlichen Literatur wird außerdem darauf
hingewiesen, dass die Qualität der Zeder, die in nördlichen
Regionen wächst, viel höher ist als die der Zeder des Südens.
Bereits im Jahre 1792 schrieb der Gelehrte P. S. Pallas, dass die
sibirische Zedernfrucht potenzfördend ist, die Jugend erhält und
das Immunsystem bedeutend stärkt.
In der Geschichte gibt es eine Reihe von bemerkenswerten
Phänomenen, die mit der Zeder zusammenhängen. Eines davon ist
Grigori Rasputin.
Rasputin, der kaum lesen und schreiben konnte, stammte aus
einem entlegenen sibirischen Dorf, einer Gegend, wo die sibirische
Zeder wächst. Im Jahre 1907 kam er im Alter von fünfzig Jahren
nach Moskau. Mit seiner prophetischen Gabe beeindruckte er die
Zarenfamilie, mit der er engen Kontakt pflegte. Er war mit enormer
physischer Kraft ausgestattet. Seine Mörder waren erschüttert, dass
er, von Kugeln durchsiebt, noch geraume Zeit am Leben blieb. Vielleicht
lag das daran, dass er im Land der Zedern aufgewachsen war
und sich von Zedernnüssen ernährt hatte.
Damalige Journalisten beschrieben seine außergewöhnliche Ausdauer
wie folgt: «Mit fünfzig Jahren konnte er mittags eine Sexorgie
mit Zechgelage beginnen und bis vier Uhr nachts durchmachen. Im
Anschluss daran besuchte er den Morgengottesdienst, betete und
blieb so bis acht Uhr morgens auf den Beinen. Dann ging er nach
Hause, wo er Tee trank und bis vierzehn Uhr Besucher empfing,
als ob nichts geschehen wäre. Dann suchte er sich ein paar Damen
aus und ging mit ihnen ins Dampfbad. Schließlich fuhr er in ein
Restaurant außerhalb der Stadt, und alles ging wieder von vorn
los. Ein normaler Mensch könnte einen solchen Tagesablauf nicht
durchstehen.»
Alexander Karelin, der mehrfache Weltmeister und Olympiasieger
im Ringen, ist in diesem Sport bis heute ungeschlagen – auch
er stammt aus Sibirien, dem Land der Zedern, und isst regelmäßig
Zedernnüsse. Ist das etwa Zufall?
Ich führe lediglich Tatsachen an, die in der populärwissenschaftlichen
Literatur beschrieben sind oder die von Augenzeugen bestätigt
werden können. Eine solche Zeugin ist Lydia Petrowna, die von
dem Alten ein Stück Holz von der klingenden Zeder geschenkt
bekam. Sie ist 36 Jahre alt, ist verheiratet und hat zwei Kinder. Ihre
Mitarbeiter, mit denen sie regelmäßig verkehrt, sagen, dass sie sich
auffallend verändert hat. Sie ist freundlicher geworden, und man
sieht sie oft lächeln. Ihr Mann, ein guter Bekannter von mir, hat
mir erzählt, dass er sich jetzt besser mit seiner Frau versteht; sie sehe
irgendwie jünger und attraktiver aus. Auch respektiere er sie mehr
als zuvor, ja vielleicht könne man sogar von Liebe sprechen.
Doch alle Tatsachen und Beweise verblassen angesichts des schlagendsten
Arguments, das jeder für sich selbst nachlesen kann und
das auch meine Zweifel zerstreut hat: Wir finden es in der Bibel. Im
Alten Testament, drittes Buch Mose (Leviticus 14,4) lehrt Gott, wie
man einen Kranken heilen und seine Wohnung keimfrei machen
kann … mit Hilfe von Zedernholz!
Während ich die aus verschiedenen Quellen gewonnenen Fakten
und Informationen verglich, ergab sich ein so überwältigendes Gesamtbild,
dass alle Weltwunder, die wir kennen, dagegen belanglos
wirkten. Die großen Geheimnisse, die den Geist des Menschen
faszinieren, erschienen mir jetzt unbedeutend im Vergleich zum
Geheimnis der klingenden Zeder. Nun zweifelte ich nicht mehr an
ihrer Existenz. Die wissenschaftlichen Bücher und die alten vedischen
Schriften hatten meine Zweifel besiegt.
Allein im Alten Testament wird die Zeder zweiundvierzigmal
erwähnt. Der alttestamentliche Moses, durch dessen Gnade die
Menschheit die Gesetzestafeln erhielt, wusste wahrscheinlich sogar
noch mehr darüber, als wir aus dem Alten Testament erfahren.
Für uns ist es nichts Besonderes, dass es in der Natur Pflanzen
gibt, die menschliche Krankheiten heilen können. Die Heileigenschaften
der Zeder werden in der populärwissenschaftlichen Literatur
sowie von solch gewissenhaften und namhaften Forschern
wie P. S. Pallas bestätigt. Auch das Alte Testament stimmt hiermit
überein.
Wenn das Alte Testament über Zedern spricht, werden in diesem
Zusammenhang keine anderen Baumarten erwähnt. Bedeutet das
nicht, dass die Zeder das wirksamste aller Heilmittel ist? Eine natürliche
Arznei mit Breitenwirkung? Aber wie soll man sie benutzen?
Und weshalb hoben die beiden seltsamen Alten insbesondere die
Bedeutung der klingenden Zedern so sehr hervor?
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Das ist aber noch nicht alles. Höchst rätselhaft ist folgende
Begebenheit aus dem Alten Testament: König Salomon ließ einen
Tempel aus Zedernholz errichten. Um das erforderliche Zedernholz
zu bekommen, überließ er dem König Hiram zwanzig Städte seines
eigenen Reiches. Unglaublich! Zwanzig Städte für etwas Baumaterial!
Allerdings wurde ihm dafür noch ein weiterer Dienst erwiesen.
Auf seine Bitte hin wurden ihm Männer zur Verfügung gestellt …
«die Bäume fällen konnten».
Was waren das für Leute? Und was wussten sie?
Ich habe gehört, dass es noch heute an sehr entlegenen Orten alte
Männer gibt, die Bäume auszuwählen wissen, welche sich als Baumaterial
eignen. Damals, vor 3000 Jahren, war dies wahrscheinlich
noch Allgemeinwissen. Allerdings wurden bei dieser Gelegenheit
anscheinend besondere Männer gebraucht. Wie dem auch sei, der
Tempel wurde erbaut, der erste Gottesdienst war im Gange, aber …
«da ward das Haus des Herrn von einer Wolke verhüllt, sodass die
Priester wegen der Wolke nicht zum Dienste antreten konnten.»
Was war das für eine Wolke, wie kam sie in den Tempel und
woher? Worum handelte es sich dabei eigentlich? Um eine Energie?
Einen Geist? Hatte diese Wolke etwas mit dem Zedernholz zu tun?
Die beiden Alten hatten von der klingenden Zeder als einem
Energiespeicher gesprochen.
Welche Zeder ist wirkungsvoller, die libanesische oder die sibirische?
Nach dem Forscher Pallas zu urteilen, nehmen die Heilkräfte
der Zeder zu, je näher sie zur Grenze der Waldtundra wachsen.
Demnach ist die sibirische Zeder wirkungsvoller.
In der Bibel heißt es: «Urteilt nach den Früchten!» Ein weiterer
Pluspunkt für die sibirische Zeder!
Könnte es sein, dass niemand auf all dies geachtet hat? Hat niemand
diese Fakten in Betracht gezogen?
Das Alte Testament, die Wissenschaft des vorletzten Jahrhunderts
und die moderne Wissenschaft sind sich einig im Urteil über
die Zeder.
Auch Helena Roerich schreibt in ihrem Buch Die lebendige
Ethik: «Bereits in den königlichen Riten der Schahs im alten Khorasan
gab es eine Schale mit Zedernharz. Auch die Druiden verwandten
eine Schale mit Zedernharz, genannt <Lebensschale>. Erst später,
als sie das spirituelle Bewusstsein verloren, wurde das Harz durch
Blut ersetzt. Das Feuer des Zarathustra stammte ebenfalls von der
Verbrennung des Harzes in der Schale.»
Was ist von all diesen Kenntnissen unserer Vorfahren über die
Eigenschaften und die Bedeutung der Zeder heute noch übrig?
Vielleicht gar nichts?
Was wussten die beiden sibirischen Alten darüber?
Dann erinnerte ich mich an eine Begebenheit aus meiner Vergangenheit,
die schon viele Jahre zurücklag, und ein leichtes Kribbeln
durchrieselte mich. Damals hatte ich dem Geschehen keine Bedeutung
beigemessen, aber jetzt …
Eines Tages, am Anfang der Perestroika, erhielt ich als Präsident
des Verbandes sibirischer Unternehmer einen Anruf von einem
Vertreter des Nowosibirsker Exekutivkomitees (damals gab es noch
Exekutiv- und Gebietskomitees der Partei). Dabei wurde ich zu einem
Treffen mit einem einflussreichen westlichen Geschäftsmann
eingeladen, der von unserer damaligen Regierung ein Empfehlungsschreiben
erhalten hatte. An diesem Treffen nahmen einige
Unternehmer und Beamte der Verwaltung des Gebietskomitees der
Partei teil.
Jener westliche Händler machte auf mich sogleich den Eindruck
eines hart gesottenen Geschäftsmannes, der mit allen Wassern gewaschen
ist. Er war von orientalischem Äußeren, auf dem Kopf
trug er einen Turban, und seine Finger waren mit kostbaren Ringen
verziert.
Wie gewöhnlich sprachen wir über Möglichkeiten der Zusammenarbeit
auf verschiedenen Gebieten. Unter anderem sagte er:
«Wir könnten von euch Zedernnüsse kaufen.» Dabei fiel mir eine
gewisse Erregung in seiner Stimme auf. Seine scharfen Blicke
wanderten rastlos in der Runde umher, wohl in Erwartung einer
Reaktion der anwesenden Unternehmer. Ich erinnere mich noch
sehr gut an diese Szene, denn schon damals dachte ich: «Wieso ist
er plötzlich so anders?»
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Nach dem offiziellen Meeting wandte sich seine Dolmetscherin,
die aus Moskau stammte und ihn begleitete, an mich. Sie sagte, er
wolle mit mir sprechen.
Der Geschäftsmann hatte ein diskretes Angebot an mich. Wenn
ich Zedernnüsse, und zwar unbedingt frische Nüsse, liefern könnte,
so sollte ich neben der offiziellen Zahlung eine satte Provision erhalten.
Die Lieferung sollte in die Türkei gehen, wo ein Öl hergestellt
wurde. Ich sagte ihm, ich würde darüber nachdenken.
Ich wollte selbst erst herausfinden, um was für ein Öl es sich
handelte. Dabei stellte ich Folgendes fest:
An der Londoner Börse, die eine bedeutende Rolle bei der Entwicklung
der Weltpreise spielt, wird Zedernnussöl mit einem Preis
von bis zu 500 Dollar pro Kilo gehandelt. Für ein Kilo Zedernnüsse
wurde uns ein Preis von zwei bis drei Dollar angeboten.
Ich rief einen Unternehmer in Warschau an und bat ihn, die
Möglichkeit zu prüfen, direkte Beziehungen zu den Verbrauchern
dieses Produkts herzustellen, und das Gewinnungsverfahren für
Zedernnussöl ausfindig zu machen.
Nach einem Monat erhielt ich folgende Antwort: «Direkte Beziehungen
sind nicht möglich. Verfahren herauszufinden hat auch
nicht geklappt. Und überhaupt handelt es sich um eine Sache, mit
der sich einflussreiche westliche Kreise befassen. Besser die Finger
davon lassen und das Ganze vergessen.»
Da wandte ich mich an meinen Freund Konstantin Rakunow,
einen wissenschaftlichen Mitarbeiter des Instituts für Verbraucherkooperation
in Nowosibirsk, und bat ihn um Hilfe. Ich kaufte
Zedernnüsse und finanzierte die Forschungsarbeit. Im Labor dieses
Instituts wurden 100 kg Zedernnussöl gewonnen. Auch stellte ich
ein paar Leute an, die für mich die folgenden Informationen aus
Archivdokumenten fanden:
Vor der Revolution und einige Zeit danach gab es in Sibirien
eine Organisation, die sich «Sibirische Genossenschaft» nannte. Die
Mitglieder dieser Organisation verkauften verschiedene Öle, darunter
auch Zedernnussöl. Sie hatten Vertretungen in Harbin, London
und New York und besaßen viel Geld von westlichen Banken. Nach
der Revolution löste sich die Organisation auf, und viele Mitglieder
wanderten aus.
Ein Mitglied der bolschewistischen Regierung namens Krasin
traf sich mit dem Vorsitzenden der Sibirischen Genossenschaft im
Ausland und schlug ihm vor, nach Russland zurückzukommen.
Dieser aber entgegnete, er werde für Russland von größerem Nutzen
sein, wenn er im Ausland bleibe.
In den Archivmaterialien wurde auch erwähnt, dass das Zedernöl
mit speziellen Holzpressen (keine Pressen aus anderem Material!)
in vielen Dörfern der sibirischen Taiga gewonnen wurde. Seine
Qualität war von der Erntezeit und von der Verarbeitung der Nüsse
abhängig. Es konnten aber keine Angaben über diese Zeit gefunden
werden, weder im Archiv noch im Institut. Das geheime Verfahren
ist verloren. Die Heilkraft des Zedernöls ist unvergleichlich. Ist das
Herstellungsverfahren vielleicht jemandem im Westen bekannt,
dem es ein Auswanderer mitgeteilt hat? Wie lässt es sich erklären,
dass die heilkräftigsten Zedern in Sibirien wachsen, das Öl aber in
der Türkei hergestellt wird? Zedern von sibirischer Qualität kommen
ja in der Türkei gar nicht vor.
Welche einflussreichen Kreise des Westens meinte der Unternehmer
aus Warschau? Warum sollte man von diesem Thema lieber
die Finger lassen? Saugen etwa diese Kreise das Produkt mit der
ungewöhnlichen Heilkraft aus der sibirischen Taiga heraus? Warum
kaufen wir ausländische Arzneien für Millionen und Milliarden von
Dollars und schlucken sie wie Irrsinnige, wo wir doch solch Reichtümer
wie Zedern mit den höchsten Heilkräften besitzen, die sich
seit Jahrhunderten und Jahrtausenden bewährt haben? Warum geht
uns Wissen verloren, das unsere Vorfahren noch besaßen — sogar
noch im zwanzigsten Jahrhundert? Ganz zu schweigen von dem
Wissen, wie es nach Angaben der Bibel vor 3000 Jahren vorhanden
war!
Welche unbekannten Kräfte bemühen sich, Kenntnisse unserer
Vorfahren aus unserem Gedächtnis zu löschen? Nach dem Motto:
«Misch dich nicht ein! Es geht dich nichts an.» Dass solche Bemü-
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hungen getätigt werden, und zwar mit großem Erfolg, ist eine Tatsache.
Diese Erkenntnis machte mich zornig. Dazu habe ich noch
gesehen, dass das Zedernöl, das in unseren Apotheken verkauft
wird, durchweg Importware ist. Ich kaufte mir ein 3O-g-Fläschchen
und probierte es aus. Ich glaube, darin sind nicht mehr als zwei
Tropfen Öl enthalten, der Rest ist irgendein Verdünnungsmittel.
Es hält keinen Vergleich aus mit dem Öl, das wir in dem Institut in
Nowosibirsk produziert haben. Und der Preis dieser Zwei-Tropfen-
Mischung betrug damals stolze 50 000 Rubel! Was wäre nun, wenn
wir das Öl nicht importierten, sondern es selbst herstellen und
verkaufen würden? Allein von dem Erlös dieses Öls könnte ganz
Sibirien ein gutes Leben führen! Wie konnte es nur passieren, dass
wir das Herstellungsverfahren unserer Vorfahren vergessen haben?!
Und dann beklagen wir uns noch über unsere Armut! Ich sagte mir:
Nun gut, irgendwie werde ich schon dahinter kommen. Dann werde
ich das Öl selbst herstellen, das wird meiner Firma sicher nicht
schaden.
Ich beschloss, eine weitere Geschäftsreise den Ob hinab in Richtung
Norden zu unternehmen, diesmal nur mit dem Stabsschiff
«Patrice Lumumba». Ich lud also viele Waren an Bord, und der Kinoraum
musste als Verkaufsraum herhalten. Außerdem war es nötig,
eine neue Besatzung zusammenzustellen. Ich wollte keine Mitarbeiter
meiner eigenen Firma anstellen, denn mit unseren Finanzen ging
es ohnehin jedes Mal bergab, wenn ich fort war. Zwei Wochen nach
unserer Abreise aus Nowosibirsk berichteten mir meine Sicherheitsleute,
dass sie auf dem Schiff Gespräche über die klingende Zeder
belauscht hätten. Unter der neuen Besatzung, so teilte man mir mit,
gebe es, gelinde gesagt, «merkwürdige Gestalten».
Ich bestellte einige Besatzungsmitglieder in mein Arbeitszimmer
und sprach mit ihnen über die bevorstehende Wanderung in die
Taiga. Manche waren bereit, auch ohne Bezahlung mitzukommen.
Andere forderten hohe Beträge für ihre Teilnahme an dieser
Aktion, weil dies bei der Einstellung nicht vereinbart worden war.
Schließlich hätten sie mit dem Aufenthalt auf einem komfortablen
Boot gerechnet und keine Ahnung davon gehabt, obendrein einen
21
25-Kilometer-Marsch in die Taiga machen zu müssen, noch dazu
mit einer Last auf dem Buckel. Zu dieser Zeit waren meine finanziellen
Mittel knapp. Auch beabsichtigte ich nicht, das Zedernholz
zu verkaufen. Es sollte verschenkt werden, so wie es die Alten gesagt
hatten. Außerdem war das Geheimnis der Ölgewinnung für mich
wichtiger als das Zedernholz selbst. Und ich war gespannt, mehr
Informationen über diese Dinge zu erhalten.
Allmählich kam ich mit Hilfe meines Sicherheitsdienstes dahinter,
dass ich beschattet wurde, besonders wenn ich das Schiff verließ.
Mir war aber nicht klar, was damit bezweckt wurde. Wer stand wohl
dahinter? Ich grübelte und grübelte und kam zu dem Schluss, am
besten sei es, alle an der Nase herumzuführen.
22
2
Die Begegnung
Ohne irgendjemandem meine Pläne zu offenbaren, ordnete ich an,
unweit von der Stelle anzulegen, wo ich im Jahr zuvor den Alten
begegnet war. Dann fuhr ich mit einem kleinen Kutter allein zum
Dorf. Dem Kapitän des Schiffes indes hatte ich befohlen, die Handelsroute
fortzusetzen.
Ich hoffte, mit Hilfe der Einwohner des Ortes die beiden Alten
zu finden; dann wollte ich die klingende Zeder mit eigenen Augen
sehen und den billigsten Weg finden, sie zum Schiff zu transportieren.
Ich machte den Kutter an einem Stein fest und wollte schon
zum nächsten Haus gehen, da sah ich eine Frau auf einem Hügel
stehen und ging zu ihr. Sie trug eine alte Wattejacke, einen langen
Rock und Galoschen, wie sie viele Leute des hohen Nordens in
Herbst und Winter tragen. Ihr Kopftuch war so gebunden, dass es
Stirn und Hals völlig bedeckte. Es war schwer, ihr Alter zu schätzen.
Ich begrüßte sie und erzählte ihr von den Alten, die mir letztes Jahr
begegnet waren.
«Wladimir, du hast mit meinem Großvater und meinem Urgroßvater
gesprochen», sagte sie.
Ich war überrascht. Sie hatte eine junge Stimme, eine deutliche
Aussprache, duzte mich sogleich und sprach mich mit meinem
Vornamen an. An die Namen der Alten konnte ich mich nicht erinnern.
Ich wusste noch nicht einmal, ob wir uns einander überhaupt
vorgestellt hatten. Ich dachte: «Bestimmt haben wir das getan. Wie
wüsste sie sonst meinen Namen?» Also beschloss ich, sie ebenfalls zu
duzen, und fragte: «Und wie heißt du?»
«Anastasia», antwortete die Frau und reichte mir ihre Hand mit
der Handfläche nach unten, gleichsam zum Küssen.
Diese Geste einer Dorffrau in Wattejacke und Gummischuhen,
die in jener Einöde am Ufer stand und eine Dame von Welt spielte,
amüsierte mich. Ich drückte ihr die Hand, geküsst habe ich sie natürlich
nicht. Sie lächelte scheu und schlug mir vor, mit ihr in die
Taiga zu gehen, wo ihre Familie lebte.
«Aber wir müssen durch die Taiga gehen, und es ist ein Marsch
von 25 Kilometern … wenn es dir nichts ausmacht.»
«Nun ja, das ist eine ganz schöne Strecke. Kannst du mir dann
aber die klingende Zeder zeigen?»
«Ja, das kann ich.»
«Kennst du dich mit solchen Bäumen aus? Und wirst du mir
davon berichten?»
«Alles, was ich darüber weiß, werde ich dir mitteilen.»
«Dann lass uns gehen.»
Unterwegs erzählte mir Anastasia, dass ihre Familie im Zedernwald
lebt. Und von ihren Vorfahren habe sie gehört, dass ihre Ahnen
hier bereits seit Jahrtausenden lebten. Mit Menschen unserer
Zivilisation nehmen sie nur sehr selten Kontakt auf. Diese Kontakte
finden nicht in ihren eigenen Wohnorten statt, sondern in Siedlungen,
die sie, als Jäger oder Dörfler verkleidet – als wenn sie aus
einem Nachbardorf wären -, ab und zu besuchen. Anastasia war in
zwei Städten gewesen: Tomsk und Moskau, aber jeweils nur einen
Tag lang und ohne Übernachtung. Sie hatte herausfinden wollen,
ob ihre Vorstellungen vom Stadtleben vielleicht falsch waren. Sie
hatte Beeren und getrocknete Pilze verkauft und so Geld für die
Reise gespart. Eine Dorffrau hatte ihr ihren Pass geborgt.
Anastasia missbilligte die Idee ihres Großvaters und ihres Urgroßvaters,
das Holz der klingenden Zeder an viele Menschen zu
verteilen. Ich fragte sie nach dem Grund dafür. Sie antwortete, die
Stücke würden nicht nur in die Hände guter Menschen gelangen,
sondern auch – und zwar hauptsächlich – in die schlechter Men-
24
sehen. Am Ende wäre der Schaden dann größer als der Nutzen.
Worauf es ankomme, sei, guten Menschen zu helfen, Menschen, die
Gutes tun. Wenn man jedem ohne Unterscheidung helfe, ändere
sich nichts am Verhältnis von Gut und Böse oder es verschlechtere
sich sogar noch.
Nach der Begegnung mit den Alten hatte ich viele populärwissenschaftliche
Bücher sowie historische und wissenschaftliche
Werke gelesen, in denen von den besonderen Heilkräften der Zeder
die Rede war. Während ich versuchte, Anastasias Beschreibung der
Lebensweise der Menschen im Zedernwald zu ergründen und zu
verstehen, dachte ich bei mir: «Womit könnte ich sie vergleichen?»
Dabei fiel mir die Familie Lykow ein, die ebenfalls seit vielen
Jahren in der sibirischen Taiga lebte und durch Veröffentlichungen
des Autors W. Peskow bekannt geworden war. In der Komsomolskaja
Prawda war ebenfalls ein Artikel über die Lykows zu lesen
gewesen mit dem Titel «Sackgasse Taiga». Und auch im Fernsehen
war mehrmals über sie berichtet worden. Ich stellte mir die Lykows
als Menschen vor, die sich in der Natur gut auskennen, ansonsten
aber völlig ungebildet sind und keine Ahnung von der modernen
Zivilisation haben. Anastasia hingegen schien nicht nur über unser
Leben, sondern auch über andere Dinge Bescheid zu wissen,
wenngleich mir nicht klar war, was diese anderen Dinge waren. Sie
sprach eine Menge über das Stadtleben und kannte sich sehr gut
damit aus.
Nach etwa fünf Kilometern Waldwanderung machten wir eine
Pause. Sie zog sich die Jacke, das Kopftuch und den langen Rock
aus, legte alle Sachen in eine Baumhöhlung und behielt nur ein
kurzes, leichtes Kleidchen an. Ich war völlig überrascht. Hätte ich
an Wunder geglaubt, so hätte ich das Ganze sicher für eine Art
magische Verwandlung gehalten. Vor mir stand eine junge, tadellos
gebaute Frau mit langem, goldblondem Haar. Sie war von außergewöhnlicher
Schönheit. Ich konnte mir keine Schönheitskönigin
vorstellen, die es mit ihr hätte aufnehmen können, und wie es sich
später herausstellte, war auch ihr Intellekt unvergleichlich. Alles an
dieser Taiga-Lady war attraktiv und bezaubernd.
«Du wirst erschöpft sein», meinte Anastasia. «Willst du dich
ausruhen?» Wir setzten uns ins Gras, und jetzt konnte ich ihr Gesicht
aus der Nähe betrachten: kein Make-up, harmonische Züge,
gepflegte Haut (nicht zu vergleichen mit den wetterrauhen Gesichtern
sibirischer Landfrauen), große, gütige, graublaue Augen und
ein leichtes Lächeln auf den Lippen. Sie trug nur ein kurzes Kleidchen,
in der Art eines Nachthemds, doch sie schien nicht zu frieren,
obwohl die Temperatur nicht mehr als 12 bis 15 Grad betrug.
Da ich hungrig war, holte ich ein paar belegte Brote und ein
Fläschchen feinen Cognac aus meiner Tasche. Ich bot ihr einen
Schluck an, doch sie lehnte ab. Auch essen wollte sie nicht mit mir.
Während ich aß, lag sie mit geschlossenen Augen selig im Gras und
ließ sich von den Sonnenstrahlen liebkosen. In ihren offenen Handflächen
spiegelte sich das goldene Licht wieder. Sie war schön und
halbnackt.
Wie ich sie so betrachtete, dachte ich: «Wieso entblößen die
Frauen bloß immer ihre Beine, ihre Brüste oder beides gleichzeitig,
indem sie kurze Röcke oder ein Kleid mit tiefem Ausschnitt tragen?
Wohl um die Aufmerksamkeit der Männer auf sich zu lenken. Als
wollten sie sagen: <Seht mich an, wie reizend, verführerisch und
zugänglich ich bin!> Was kann ein Mann da tun? Entweder dem
Verlangen widerstehen und so die Frau mit seiner Gleichgültigkeit
beleidigen oder ihr den Hof machen und gegen Gottes Gebote verstoßen.
»
Nach dem Essen fragte ich sie: «Anastasia, fürchtest du dich
nicht, allein durch den Wald zu laufen?»
«Ich habe hier nichts zu befurchten», antwortete sie.
«So? Und wie würdest du dich wehren, wenn zwei, drei Männer
— sagen wir Geologen oder Jäger – dich überfallen?»
Statt mir zu antworten, lächelte sie nur.
Ich dachte nach: «Wieso nur hat diese junge, schöne und außergewöhnlich
verführerische Frau vor nichts und niemandem Angst?»
Was dann geschah, ist mir noch heute peinlich … Ich umarmte sie
und zog sie zu mir heran. Sie leistete kaum Widerstand, obwohl
ich spürte, dass in ihrem wendigen Körper beachtliche Kräfte steck-
26
ten. Doch mein Annäherungsversuch scheiterte, denn im gleichen
Augenblick schwanden mir die Sinne. Das Letzte, woran ich mich
erinnere, bevor ich ohnmächtig wurde, sind ihre Worte: «Bitte lass
das.» Und noch davor erinnere ich mich, wie mich plötzlich eine
panische Angst überkam, eine grundlose Angst, wie man sie aus der
Kindheit kennt, wenn man allein zu Hause ist. Als ich erwachte,
kniete sie bei mir. Sie hatte eine Hand auf meine Brust gelegt, und
mit der anderen gab sie jemandem nach oben hin und zu den Seiten
Zeichen. Dabei lächelte sie, doch ihr Lächeln galt nicht mir, sondern
irgendjemandem, der uns unsichtbar umgab oder sich über
uns befand. Mit ihren Gesten wollte Anastasia ihrem unsichtbaren
Freund offenbar zeigen, dass ihr nichts Böses geschehe. Dann
schaute sie mir ruhig und zärtlich in die Augen.
«Beruhige dich, Wladimir, alles ist vorbei.»
«Was ist denn geschehen?», wollte ich wissen.
«Die Harmonie hat dein Verhalten mir gegenüber und die in dir
entstandenen Verlangen nicht gebilligt. Später wirst du alles selbst
verstehen.»
«Was hat das alles mit Harmonie zu tun? Du selbst warst es doch,
die sich gesträubt hat.»
«Ja, auch ich habe dein Verhalten missbilligt. Es war mir unangenehm.
»
Ich setzte mich auf und rückte meine Tasche näher zu mir.
«Ist ja drollig! Sie hat es missbilligt! Es war ihr unangenehm! Ihr
Frauen unternehmt einfach alles, um Männer zu verfuhren: Ihr
entblößt eure Beine und Brüste, tragt hohe Absätze – auch wenn sie
noch so unbequem sind —, wiegt euch beim Gehen kokett in den
Hüften, und wenn einer anbeißt, bekommt er zu hören: <Bitte lassen
Sie mich in Ruhe. Für wen halten Sie mich eigentlich?> Wozu dann
erst diese ganze Show? Heuchlerinnen! Als Geschäftsmann habe ich
viele von eurer Sorte kennen gelernt. Erst treibt ihr eure Spielchen,
dann ziert ihr euch, doch in Wahrheit wollt ihr alle nur eins. Wieso
hast du zum Beispiel deine Kleider abgelegt? Es ist doch gar nicht
heiß! Dann hast du dich ins Gras gelegt, dich in Schweigen gehüllt
und verführerisch gelächelt.»
«Ich trage solche Kleider nicht gern, Wladimir, und ziehe sie nur
an, wenn ich den Wald verlasse und unter die Menschen gehe, um
wie sie auszusehen. Ich habe mich zur Entspannung gesonnt und
um dich nicht beim Essen zu stören.»
«So, so, nicht stören wolltest du mich. Ist dir leider nicht ganz
gelungen.»
«Bitte vergib mir, Wladimir. Natürlich hast du Recht: Jede Frau
möchte die Aufmerksamkeit der Männer erregen, wenn auch nicht
nur auf ihre Beine und ihren Busen. Sie möchte halt nur nicht, dass
der Mann ihrer Träume, der auch ihre anderen Werte zu schätzen
weiß, achtlos vorbeiläuft.»
«Aber hier ist doch niemand vorbeigelaufen. Und welche anderen
Werte soll man noch sehen, wenn einem diese Beine praktisch
ins Gesicht springen? Ihr Frauen habt keinen Sinn für Logik.»
«Tja, leider, so ist es manchmal im Leben. Sollen wir vielleicht
weitergehen, Wladimir? Bist du mit dem Essen fertig? Hast du dich
ausgeruht?»
Mir schoss der Gedanke durch den Kopf, ob ich mit dieser wilden
Philosophin wirklich weitergehen solle. Doch dann sagte ich:
«Nun gut. Lass uns gehen.»
3
Tier oder Mensch?
Also brachen wir auf und gingen weiter in Richtung von Anastasias
Zuhause. Ihre Kleidung und ihre Galoschen hatte sie in der
Baumhöhlung gelassen, und so hatte sie nur ihr leichtes Kleidchen
an. Um mir behilflich zu sein, trug sie meine Tasche. Obwohl sie
barfuß war, ging sie leichten, graziösen Schrittes vor mir einher und
schwenkte dabei die Tasche hin und her.
Unterwegs sprachen wir ständig miteinander. Unsere Unterhaltung
drehte sich um die verschiedensten Themen und war für mich
sehr anregend. Vielleicht war es deshalb so interessant, weil sie über
alles eine eigene, ungewöhnliche Meinung hatte.
Manchmal drehte sich Anastasia im Gehen zu mir um und ging
eine Zeitlang rückwärts, während sie mit mir sprach und lachte. Sie
war so sehr in das Gespräch vertieft, dass sie nicht einmal auf den
Weg achtete. Ich wunderte mich, dass sie nicht ein einziges Mal
strauchelte oder sich an den vertrockneten Zweigen den Fuß verletzte.
Einen richtigen Pfad konnte ich auf unserem Weg nirgends
ausmachen, aber es gab auch nicht die üblichen Hindernisse der
Taiga. Mal streichelte sie im Vorbeigehen flüchtig ein Blatt oder
den Zweig eines Strauches; mal bückte sie sich und pflückte, ohne
hinzusehen, einen Grashalm ab, schob ihn sich in den Mund und
aß ihn auf.
«Genau wie ein kleines Tier», dachte ich. Wenn am Wege Beeren
wuchsen, gab sie mir davon zu essen. Besonders kräftig wirkte ihr
29
Körper nicht. Sie war mittelgroß, weder mager noch fett, gelenkig
und sehr gut gebaut. Meiner Meinung ruhten aber beachtliche
Kräfte in ihr, und auch ihr Reaktionsvermögen schien sehr gut zu
sein.
Als ich einmal stolperte und im Fallen begriffen war, wandte sie
sich blitzschnell um und fing mich mit ihrer freien Hand auf, sodass
nicht einmal meine Hände beim Fallen den Boden berührten. Ich
fiel mit der Brust auf ihre geöffnete Handfläche, und sie brachte
mich sogleich mit nur einer Hand wieder ins Gleichgewicht. Dabei
sprach sie ununterbrochen weiter, und das Ganze schien sie gar
nicht weiter anzustrengen. Danach setzten wir unseren Marsch sogleich
fort, als sei nichts geschehen. Aus irgendeinem Grund dachte
ich in diesem Moment an meine Gaspistole, die in meiner Tasche
lag.
So legten wir einen langen Weg zurück und unterhielten uns
lebhaft. Plötzlich blieb Anastasia stehen, stellte meine Tasche unter
einen Baum und sagte freudig: «Nun sind wir zu Hause!»
Ich schaute mich um. Eine kleine, idyllische Lichtung, viele
Blumen und herrliche Zedern, doch keine Spur von irgendwelchen
Bauten. Es gab noch nicht einmal eine kleine Hütte oder eine Spur
von einem nächtlichen Unterschlupf- einfach nichts. Und sie war
so glücklich, als sei sie soeben in eine Komfortwohnung eingekehrt.
«Und wo ist dein Haus? Wo kann man hier schlafen, essen und
Schutz vor dem Regen finden?»
«Hier ist mein Zuhause. Es mangelt hier an nichts.»
Ein dunkle Sorge beschlich mich.
«Wo ist denn alles? Gib mir einen Teekessel, damit ich Wasser
kochen kann. Auch brauche ich eine Axt, um Feuerholz zu hacken.
»
«Ich habe keinen Teekessel und keine Axt. Auch wäre es besser,
wenn du hier kein Feuer machst.»
«Was sagst du da – du hast nicht einmal einen Teekessel? Ich habe
kein Wasser mehr. Du hast es doch selbst gesehen, nach dem Essen
habe ich die leere Flasche weggeworfen. Nur noch ein Schluck
30
Cognac ist übrig. Bis zum nächsten Fluss oder Dorf ist es ein ganzer
Tagesmarsch. Und ich bin schon jetzt müde und durstig. Woher
nimmst du dein Trinkwasser? Und woraus trinkst du?»
Anastasia, die über meine Verstörtheit besorgt war, nahm mich
flink bei der Hand und führte mich über die Lichtung in den Wald,
wobei sie mich beruhigte: «Mach dir keine Sorgen, Wladimir. Reg
dich bitte nicht auf. Ich werde für dich sorgen. Du wirst dich ausruhen
und auch Schlaf finden. Du wirst nicht frieren. Hast du Durst?
Ich werde dir gleich zu trinken geben.»
Nur zehn oder fünfzehn Meter von der Lichtung entfernt, hinter
eine Reihe von Büschen, lag ein kleiner See. Anastasia schöpfte mit
ihren Händen etwas Wasser und bot es mir an: «Hier ist Wasser.
Bitte trink.»
«Bist du übergeschnappt? Wie kann man Wasser aus einem
Waldtümpel trinken, ohne es zuerst abzukochen? Du hast doch
gesehen, wie ich Bordschomi* getrunken habe. Auf unserem Schiff
wird das Flusswasser mit speziellen Anlagen gefiltert, gechlort und
ozonisiert – sogar das Wasser zum Waschen.
«Das ist kein Tümpel, es ist reines, lebendiges, gutes Wasser —
nicht halbtot wie bei euch. Man kann es trinken. Es ist wie Muttermilch.
Sieh nur!»
Sie führte ihre Hände zum Mund und trank.
«Anastasia», entfuhr es mir unwillkürlich, «bist du ein Tier?»
«Wieso ein Tier? Bloß weil ich mich anders bette als du? Und
weil ich keine Haushaltsgeräte und andere Annehmlichkeiten
habe?»
«Weil du wie ein Tier im Wald lebst und nichts hast. Mir scheint
sogar, dieses Leben gefällt dir.»
«Stimmt. Es gefällt mir hier.»
«Na bitte. Jetzt hast du es selbst bestätigt.»
«Meinst du, Wladimir, der Mensch unterscheidet sich von den
anderen Lebewesen der Erde nur dadurch, dass er sich künstliche
Gebrauchsgegenstände erschafft?»
eine Sorte Mineralwasser aus Georgien.
31
«Ja, oder mit anderen Worten, die Umstände des zivilisierten
Lebens.»
«Denkst du, deine Lebensverhältnisse sind zivilisierter? Sicher
denkst du das. Ich bin aber kein Tier. Ich bin ein Mensch.»
4
Was für Menschen sind das?
In den folgenden drei Tagen unseres Zusammenseins beobachtete
ich, wie diese seltsame junge Frau allein in der sibirischen Taiga lebt,
und allmählich ergab ihre Lebensweise Sinn für mich, wohingegen
in mir Zweifel an unserer eigenen Lebensweise auftauchten.
Einer dieser Zweifel beschäftigt mich ständig, auch heute noch:
Kann unser Erziehungs- und Bildungssystem jedem einen Sinn des
Daseins und echte Werte vermitteln? Hilft oder behindert es uns
dabei, Wesen und Vorherbestimmung des Menschen zu verstehen?
Wir haben ein sehr komplexes Bildungssystem geschaffen. Auf
der Grundlage dieses Systems unterrichten wir unsere Kinder und
auch uns gegenseitig: im Kindergarten, in der Schule und an der
Universität. Dieses System ermöglicht es uns, Erfindungen zu machen
und in den Weltraum zu fliegen, und nach ihm richten wir
unser Leben ein und versuchen Glück zu finden. Wir sind bestrebt,
das Weltall, das Atom und übernatürliche Phänomene zu verstehen.
Darüber wird gern und ausführlich in der Sensationspresse, in
Magazinen und wissenschaftlichen Werken berichtet. Nur ein Phänomen
wird dabei grundlos und beharrlich außer Acht gelassen, ja
geflissentlich vermieden. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren,
als fürchteten wir uns, darüber zu sprechen. Dieses Phänomen
entzieht unserem Bildungssystem und unseren wissenschaftlichen
Erkenntnissen auf der Stelle die Grundlage und lässt unser Leben
dagegen trivial erscheinen. Wir tun so, als gäbe es dieses Phäno-
33
men gar nicht. Aber es existiert und wird immer existieren, auch
wenn wir es noch so sehr vermeiden und verschweigen. Ist es nicht
höchste Zeit, uns damit eingehend auseinanderzusetzen und mit
vereinten Kräften zu versuchen, folgende Frage zu beantworten:
Wie kommt es, dass praktisch alle großen Denker und Religionsstifter,
nach denen sich der größte Teil der Menschheit richtet oder
zumindest zu richten versucht, zunächst der Welt entsagten und ein
Einsiedlerleben führten? Die meisten von ihnen zogen sich in den
Wald zurück. Ist es nicht interessant, dass sie, statt eine namhafte
Bildungsstätte zu besuchen, in den Wald gingen?
Warum zog sich beispielsweise Moses für lange Zeit in einen
Bergwald zurück, bevor er der Welt die Weisheit der Gesetzestafeln
überbrachte?
Warum zog sich Jesus sogar von seinen Jüngern zurück und lebte
in der Wüste, in den Bergen und im Wald?
Warum begab sich Siddhartha Gautama, der Mitte des sechsten
Jahrhunderts vor unserer Zeitrechnung in Indien lebte, in den
Wald? Erst sieben Jahre später kehrte er zu den Menschen zurück,
nachdem er seine Lehren geschaffen hatte, die noch heute großen
Anklang finden. Seine Anhänger erbauten große Tempel und nannten
die Lehre Buddhismus, nach dem Namen Buddha, den er später
erhielt.
Warum gingen auch unsere eigenen Vorfahren der jüngeren
Vergangenheit als Eremiten in den Wald? Da gab es zum Beispiel
Serafim von Sarow und Sergius von Radonesh, die nach einiger Zeit
solche Weisheit erlangten, dass sogar Könige sie in ihren unwegsamen
Einsiedeleien besuchten, um bei ihnen Rat zu suchen. Später
gingen sie als bedeutende Persönlichkeiten in die Geschichte ein.
Wo sie einst in der Abgeschiedenheit meditierten, entstanden
Klöster und herrliche Kathedralen. Die Dreifaltigkeitskirche in
Sergiew Posad, einer Stadt in der Umgebung von Moskau, ist heute
eine Attraktion für viele Besucher. Zu Anfang lebte dort bloß ein
Walderemit.
Wie war das möglich? Wer oder was half diesen Menschen, Erkenntnisse
und Weisheit zu erlangen und den Sinn des Daseins zu
34
begreifen? Wie lebten sie, was taten sie, worüber dachten sie nach,
während sie in jenem Wald lebten?
Diese Fragen beschäftigten mich später, nach meinem Zusammensein
mit Anastasia, als ich begann, verschiedene Bücher über Eremiten
zu lesen. Die Antworten daraufhabe ich aber bis heute nicht
gefunden. Nirgends wird beschrieben, was dort mit ihnen geschah.
Ich glaube, die Antwort kann nur durch gemeinsames Bemühen
gefunden werden. Deshalb beschreibe ich die Begebenheiten meines
dreitägigen Aufenthaltes im sibirischen Taigawald sowie meine
Gefühle und Eindrücke vom Umgang mit Anastasia. Ich hoffe, dass
sich jemand findet, der das Wesen dieses Phänomens und auch die
Probleme unseres modernen Lebensstils verstehen kann.
Nach allem, was ich selbst erlebt und gehört habe, steht für
mich eines fest: Die Menschen, die ein Eremitendasein im Wald
fuhren, sehen unser Leben von einem ganz anderen Gesichtspunkt
aus. Manche Ansichten Anastasias stehen in völligem Gegensatz zu
den allgemeingültigen. Wer ist der Wahrheit näher? Wer kann das
entscheiden?
Meine Absicht ist lediglich darzulegen, was ich gesehen und
gehört habe. So bekommen andere die Gelegenheit, die Antworten
zu geben.
Anastasia lebt ganz allein im Wald. Sie hat kein Dach über dem
Kopf, läuft beinahe nackt umher und legt keine Nahrungsvorräte
an. Sie entstammt den Menschen, die hier seit Jahrtausenden leben
und wohl eine andersartige Zivilisation darstellen. Dass sie die
ganze Zeit überlebt haben, ist meiner Meinung nach auf eine sehr
weise Entscheidung zurückzuführen, möglicherweise auf die einzig
richtige Entscheidung. Einerseits mischen sie sich unter uns, wobei
sie sich bemühen, sich äußerlich von uns nicht zu unterscheiden.
Und an ihren Wohnorten verschmelzen sie praktisch mit der Natur,
sodass es sehr schwer ist, sie überhaupt ausfindig zu machen. Die
Anwesenheit eines Menschen an einem solchen Ort kann eigentlich
nur dadurch ausgemacht werden, dass es dort gepflegter und
schöner aussieht als in der Umgebung – so wie es mit Anastasias
Lichtung der Fall ist.
35
Anastasia wurde hier geboren und ist ein Bestandteil der Natur.
Im Gegensatz zu den großen, uns bekannten Einsiedlern lebt sie
nicht nur eine Zeitlang in der Abgeschiedenheit, vielmehr stammt
sie aus der Taiga und besucht nur gelegentlich unsere Welt. Und
was mir zuerst wie ein mystisches Ereignis vorgekommen war — die
plötzliche Angst bei meinem Versuch, mich Anastasias zu bemächtigen,
und meine anschließende Ohnmacht – ließ sich eigentlich
ganz leicht erklären: Der Mensch kann Tiere zähmen — Katzen,
Hunde, Elefanten, Tiger oder Adler. Hier, im Wald, ist ALLES gezähmt.
Und dieses ALLES kann nicht zulassen, dass Anastasia etwas
zustößt. Anastasia erzählte mir, dass sie als kleines Kind von weniger
als einem Jahr von ihrer Mutter öfters allein im Gras liegengelassen
wurde.
«Bist du denn nicht vor Hunger gestorben?», wollte ich wissen.
Die Taiga-Einsiedlerin schaute mich erstaunt an und antwortete:
«Ein Brotproblem sollte es für den Menschen eigentlich nicht geben.
Man sollte es mit dem Essen halten wie mit dem Atmen und
seine Aufmerksamkeit nicht von der Hauptsache ablenken lassen.
Dieses Problem hat der Schöpfer anderen zugeteilt. Der Mensch soll
wie ein Mensch leben und seine Bestimmung erfüllen.»
Sie schnippte mit den Fingern, und sogleich sprang ihr ein Eichhörnchen
auf die Hand. Anastasia führte das Mäulchen des Tieres
zu ihrem Mund und bekam von ihm einen Zedernnusskern. Die
Schale war bereits entfernt. Ich fand daran nichts Außergewöhnliches.
Es erinnerte mich an die vielen Eichhörnchen in Akademgorodok
bei Nowosibirsk, die ohne jede Menschenscheu die Umstehenden
um Nahrung anbettelten und ärgerlich wurden, wenn sie nichts
bekamen. Hier in der Taiga war es einfach umgekehrt, und ich sagte:
«In unserer Welt ist alles anders. Geh nur mal zu einem Kiosk und
schnippe mit den Fingern – du kannst sogar eine Trommel schlagen -,
nichts wirst du bekommen. Und dann sagst du: <Der Schöpfer hat
für alles gesorgt.)»
«Wer ist schuld daran, wenn der Mensch beschlossen hat,
das Werk des Schöpfers zu ändern? Ob es zum Guten oder zum
Schlechten war, magst du selbst entscheiden.»
Dies war die Unterhaltung, die ich mit Anastasia über Ernährung
führte. Ihr Standpunkt ist sehr einfach: Es ist eine Sünde,
unsere Gedanken für solch unbedeutende Dinge wie Essen zu verschwenden,
und sie selbst tut es nicht. In unserer zivilisierten Welt
jedoch sieht es anders aus: Wir müssen daran denken.»
Aus der Literatur, der Presse oder dem Fernsehen kennen sicher
schon die meisten von uns Fälle von Kleinkindern, die umständehalber
plötzlich der Wildnis ausgeliefert waren und von Wölfen
aufgezogen wurden. Hier aber leben Menschen seit Generationen
in der Wildnis, und ihre Beziehungen zur Tierwelt sind völlig anders
als unsere.
Ich fragte Anastasia: «Warum frierst du in deiner Aufmachung
nicht, während ich eine Jacke tragen muss?»
«Das liegt daran», erklärte sie, «dass der Organismus eines
Menschen, der sich immer warm anzieht und sich vor Hitze und
Kälte schützt, im Laufe der Zeit die Fähigkeit verliert, sich den
wechselnden Verhältnissen anzupassen. Ich habe diese Eigenschaft
des menschlichen Organismus nicht verloren und brauche deshalb
kaum Kleidung.»
37
5
Ein Schlafzimmer im Wald
Ich hatte keine Schlafsachen mitgebracht, um im Freien zu übernachten.
Anastasia brachte mich in einer Bärenhöhle unter. Von der
anstrengenden Wanderung ermüdet, fiel ich schnell in festen Schlaf.
Als ich erwachte, fühlte ich mich sehr behaglich, als läge ich auf
einem bequemen Prachtbett.
Die Höhle war geräumig, und ihr Boden war mit kleinen, weichen
Zedernzweigen und getrockneten Gräsern ausgelegt, die den
Raum mit angenehmen Düften erfüllten. Ich räkelte mich, und dabei
berührte ich mit der Hand ein weiches Fell. Daraus schloss ich,
dass Anastasia wohl auf die Jagd ging. Ich rückte näher an das Fell,
kuschelte mich mit dem Rücken daran, um es wärmer zu haben,
und wollte noch etwas schlafen.
Anastasia stand am Eingang des Taiga-Schlafzimmers, und als
sie bemerkte, dass ich erwacht war, sagte sie sofort: «Möge der Tag
dir Glück bescheren, und mögest auch du dem Tag frohen Herzens
begegnen! Aber fürchte dich bitte nicht.»
Sie klatschte in die Hände, und das «Fell» erhob sich. Mit Schrecken
erkannte ich, dass es sich nicht um ein einfaches Fell, sondern
um einen ausgewachsenen Bären handelte. Der kletterte nun vorsichtig
aus der Höhle heraus. Anastasia gab ihm zur Belohnung
einen Klaps, und er leckte ihre Hand und trottete davon. Wie sich
herausstellte, hatte sie Schlafkräuter neben meinen Kopf gelegt und
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den Bären daneben platziert, damit ich nicht fror. Sie selbst hatte
zusammengerollt vor dem Eingang geschlafen.
«Wie konntest du das nur tun, Anastasia? Er hätte mich zerreißen
oder zerquetschen können.»
«Nicht er, sondern sie. Es ist eine Bärin. Sie hätte dir nichts antun
können», erwiderte Anastasia. «Sie ist sehr folgsam. Es macht
ihr Spaß, Befehle entgegenzunehmen und sie dann auszuführen. Sie
hat sich im Schlaf nicht einmal bewegt. Sie steckte ihre Schnauze
zwischen meine Füße und schlief glücklich ein. Nur hin und wieder
zuckte sie zusammen, als du dich im Schlaf strecktest und mit den
Händen gegen ihren Rücken schlugst.»
39
6
Anastasias Morgen
Anastasia legt sich schlafen, sobald es dunkel wird. Meist übernachtet
sie in einer Bärenhöhle oder einem anderen Tierbau. Wenn es
warm genug ist, legt sie sich gelegentlich auch einfach ins Gras.
Morgens nach dem Erwachen freut sie sich wie ein Kind über den
Sonnenaufgang sowie die frischen Keimlinge und Triebe. Sie berührt
sie mit den Händen, sie streichelt und hegt sie. Dann geht sie
zu den kleineren Bäumen und schlägt ihnen an den Stamm, sodass
von der zitternden Krone etwas Blutenstaub oder Tau auf sie herabrieselt.
Als Nächstes legt sie sich ins Gras, um sich für fünf Minuten
genüsslich zu räkeln und zu strecken. Ihr ganzer Körper wirkt dann,
als sei er mit einer Feuchtigkeitscreme eingerieben. Danach läuft
sie zum Teich, springt hinein und planscht im Wasser herum. Sie
taucht auch gern, und das mit großer Gewandtheit.
Ihre Beziehung zu den Tieren der Umgebung ähnelt unserer
Beziehung zu Haustieren. Während ihrer Morgenzeremonien wird
sie von vielen Tieren beobachtet. Sie kommen nicht näher, es sei
denn, Anastasia wirft ihnen einen Blick zu oder gibt ihnen einen
unmerklichen Wink. Dann rühren sie sich plötzlich und rennen
glücklich zu ihr.
Eines Morgens spielte sie mit einer Wölfin, so wie ein Kind mit
einem Haushund spielt. Anastasia gab der Wölfin einen Klaps an
den Hals und lief geschwind davon. Die Wölfin rannte Anastasia
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nach, und als sie sie fast eingeholt hatte, sprang Anastasia hoch,
stieß sich mit beiden Beinen an einem Baumstamm ab und lief in
umgekehrter Richtung weiter. Die Wölfin rannte an dem Baum
vorbei, kehrte um und rannte Anastasia weiter hinterher, die lauthals
lachte.
Anastasia kümmert sich nicht im Geringsten um Kleidung und
Essen. Meist läuft sie halbnackt oder völlig nackt umher, und sie ernährt
sich von Zedernnüssen, Krautern, Beeren oder Pilzen. Sie isst
nur getrocknete Pilze. Dabei sammelt sie weder Nüsse noch Pilze,
und Vorräte legt sie auch nicht an, nicht einmal für den Winter.
Das tun die vielen Waldeichhörnchen für sie. Für die ist es nichts
Besonderes, Wintervorräte zu sammeln. Alle Eichhörnchen tun das
instinktiv. Was mich aber erstaunte, ist, dass Anastasia nur mit den
Fingern zu schnippen brauchte, und alle Eichhörnchen der Umgebung
rannten um die Wette, um ihr auf die ausgestreckte Hand zu
springen und ihr einen Zedernnusskern anbieten zu dürfen. Wenn
Anastasia ein Bein hebt und sich aufs Knie schlägt, stoßen die Eichhörnchen
einen Laut aus, der allen als Signal dient, getrocknete
Pilze und andere Vorräte herbeizubringen und vor Anastasia auf
dem Gras aufzuhäufen. Wie mir schien, taten sie das mit großem
Vergnügen. Ich dachte, Anastasia habe die Eichhörnchen durch
Dressur dazu gebracht, aber sie erklärte mir, dass sie aus einem Instinkt
heraus handeln und nur dem Beispiel ihrer Mutter folgen.
«Es ist schon möglich, dass einer meiner entfernten Vorfahren
sie dressiert hat, aber ich glaube eher, sie folgen ihrer Bestimmung.
Jedes Eichhörnchen sammelt für den Winter viel mehr Vorräte, als
es selbst braucht.»
Auf die Frage, wie sie ohne Winterkleidung auskomme und
nicht friere, antwortete Anastasia mit einer Gegenfrage: «Gibt es in
eurer Welt etwa keine Beispiele von Menschen, die ohne Kleidung
Kälte ertragen können?»
Ich musste an das Buch von Porfiri Iwanow denken, der bei beliebiger
Kälte barfuß und nur mit einer kurzen Hose bekleidet umherlief.
In jenem Buch wird auch beschrieben, wie die Faschisten,
um die Widerstandskraft dieses ungewöhnlichen Russen zu prüfen,
ihn bei 20 Grad unter Null mit Wasser übergössen und ihn dann
nackt auf dem Motorrad umherfuhren.
In ihrer Kindheit bekam Anastasia nicht nur die Milch ihrer eigenen
Mutter, sondern auch die Milch verschiedener Tiere. Sie gewährten
ihr freien Zugang zu ihren Zitzen. Dem Essen widmet sie
keine besondere Aufmerksamkeit, ja sie setzt sich noch nicht einmal
dabei hin. Ganz nebenbei pflückt sie ein paar Beeren oder Knospen
ab und steckt sie sich in den Mund, ohne dabei ihre jeweilige Tätigkeit
zu unterbrechen.
Nach meinem dreitägigen Aufenthalt bei Anastasia hatte ich
eine ganz andere Vorstellung von ihr als zuvor. Nach alledem, was
ich gesehen und gehört hatte, betrachtete ich sie nicht mehr als
eine Art Tier, da sie von beachtlicher Intelligenz war. Und erst ihr
Erinnerungsvermögen … es ist so ausgeprägt, dass sie nichts mehr
vergisst, was sie einmal gehört oder gesehen hat. Manchmal hatte
ich den Eindruck, dass ihre Fähigkeiten das Begriffsvermögen eines
gewöhnlichen Menschen bei weitem übersteigen. Aber gerade diese
meine Auffassung störte, ja betrübte Anastasia.
Im Gegensatz zu den meisten bekannten Menschen, die mit
ungewöhnlichen Fähigkeiten ausgestattet sind und sich mit einem
Flair des Geheimnisvollen, des Außergewöhnlichen umgeben, wollte
Anastasia mir ihre besonderen Fähigkeiten offen mitteilen und mir
beweisen, dass gar nichts Übernatürliches darin lag. Sie wollte, dass
ich sie als Menschen sah, als eine Frau. Ich bemühte mich, das einzusehen,
und suchte nach einer Erklärung für ihre Besonderheiten.
In unserer Zivilisation ist das Denken der Menschen darauf ausgerichtet,
sich das Leben so bequem wie möglich zu machen sowie
den Essens- und Geschlechtstrieb zu befriedigen. Dafür verwendet
Anastasia überhaupt keine Zeit. Auch Menschen wie die Lykows
müssen sich um Nahrung und eine Bleibe kümmern. Die Natur
hilft ihnen nicht in dem Maße, wie das bei Anastasia der Fall ist. Sogar
Volksstämme, die fern von aller Zivilisation leben, haben nicht
so engen Kontakt mit der Natur wie Anastasia. Ihrer Meinung nach
sind diese Menschen in ihren Gedanken nicht rein genug, und die
Natur und die Tiere spüren das genau.
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7
Anastasias Strahl
Äußerst ungewöhnlich, ja geradezu mystisch schien mir damals ihre
Fähigkeit, einzelne Menschen, die weit entfernt von ihr leben, und
alles, was mit ihnen geschieht, zu sehen. Möglicherweise verfugten
auch andere Eremiten über diese Fähigkeit.
Zu diesem Zweck bediente sich Anastasia eines unsichtbaren
«Strahls». Sie behauptete, jeder Mensch besitze einen solchen Strahl,
aber da die Menschen nichts davon wüssten, könnten sie ihn auch
nicht benutzen.
Sie erklärte mir: «Der Mensch hat noch nichts erfunden, was es
in der Natur nicht schon gibt. Die Technik, auf der das Fernsehen
beruht, ist nur eine kümmerliche Nachahmung dieses Strahls.»
Da der Strahl unsichtbar ist, glaubte ich nicht an ihn, obwohl sie
mehrmals versuchte, mir seine Wirkungsweise vorzuführen und mir
anhand von Beispielen und Beweisen alles verständlich zu machen.
Einmal fragte sie mich: «Sag mal, Wladimir, was sind eigentlich
Träume? Haben wohl viele Leute die Fähigkeit zu träumen? Was
denkst du?»
«Also, ein Traum, das ist … wenn sich der Mensch eine erwünschte
Zukunft vorstellt. Ich denke, das können viele.»
«Gut. Dann wirst du mir wohl nicht widersprechen, wenn ich
sage, der Mensch sei in der Lage, bestimmte Situationen in der Zukunft
in seinem Geiste Gestalt annehmen zu lassen?»
«Nein, das will ich nicht abstreiten.»
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«Und was ist Intuition?»
«Intuition … hm, so eine Art inneres Gefühl. Man kann vielleicht
nicht im Einzelnen darlegen, was wahrscheinlich geschehen
wird und wieso, aber irgendwie ahnt man, was zu tun ist.»
«Also wirst du wohl auch nicht bestreiten, dass der Mensch neben
der Fähigkeit der logischen Analyse noch andere Möglichkeiten
hat, seine eigenen Handlungen und die anderer Menschen vorherzusehen?
»
«Einverstanden.»
«Sehr gut!», rief Anastasia aus. «Dann kommen wir wieder zum
Traum zurück. Was ist das? Was sind diese Bilder, die fast jeder im
Schlafe sieht?»
«Ach, was weiß denn ich … einfach das, was es nun mal ist. Ein
Traum im Schlaf eben.»
«Nun gut. Belassen wir es damit – einfach ein Traum. Du streitest
also nicht ab, dass es Träume gibt. Dir und anderen ist bekannt,
dass der Mensch während des Schlafs, wenn sein Körper von einem
Teil des Bewusstseins kaum mehr beherrscht wird, Menschen und
auch gewisse Ereignisse sehen kann?»
«Das wird wohl niemand bestreiten.»
«Außerdem können die Menschen im Traum miteinander sprechen
und Gefühle austauschen.»
«Ja, das geht.»
«Und was denkst du? Kann der Mensch seinen Traum bewusst
lenken? Kann er die gewünschten Gestalten und Ereignisse in seinem
Traum Form annehmen lassen – so ähnlich wie auf einem
Bildschirm?»
«Ich glaube nicht, dass jemand das kann. Träume kann man
nicht steuern, die kommen wie von selbst.»
«Da irrst du dich. Der Mensch kann alles steuern, und gerade
dazu ist er auch geschaffen. Der Strahl, von dem ich dir erzählt
habe, besteht aus den Informationen eines Menschen, seinen
Vorstellungen, Intuitionen, Emotionen und folglich auch seinen
traumartigen Visionen, die durch seinen eigenen Willen bewusst
gelenkt werden.»
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«Wie kann man einen Traum im Schlaf lenken?»
«Nicht im Schlaf, sondern wenn man wach ist. Man kann ihn
im voraus und mit absoluter Genauigkeit programmieren. Bei euch
geschieht das im Schlaf und völlig unkontrolliert. Der Mensch hat
seine Fähigkeit der Beherrschung größtenteils eingebüßt — der Beherrschung
der Natur und seiner selbst. Deshalb hält er seine Träume
für überflüssige Produkte seines erschöpften Gehirns. Fast alle
Menschen auf der Erde … Nun, soll ich dir dabei helfen, etwas zu
sehen, was weit weg von hier stattfindet?»
«Warum nicht?»
«Dann leg dich aufs Gras und entspanne dich, sodass dein Körper
weniger Energie verbraucht. Es ist wichtig, dass du bequem
liegst. Gibt es etwas, was dich stört? – Gut. Nun denke an einen
Menschen, den du gut kennst, zum Beispiel an deine Frau. Erinnere
dich an ihre Gewohnheiten, an ihren Gang und ihre Kleidung.
Denk daran, wo sie sich wahrscheinlich gerade aufhält, und stell dir
dies alles vor.»
Ich dachte also an meine Frau. Ich wusste, dass sie gerade in
unserem Landhaus sein musste. Ich konzentrierte mich darauf, mir
unser Haus, unsere Möbel und bestimmte Gebrauchsgegenstände
vorzustellen. Ich dachte an viele Einzelheiten, doch sehen konnte
ich nichts. Ich teilte dies Anastasia mit, und sie antwortete: «Es ist
dir nicht gelungen, dich völlig zu entspannen — so als ob du schläfst.
Ich werde dir dabei helfen. Schließ deine Augen, und strecke deine
Arme aus.»
Dann spürte ich, wie ihre Finger die meinen berührten, und
begann einzunicken.
Ich sah meine Frau in der Küche unseres Landhauses stehen. Über
dem Schlafrock trug sie eine Strickjacke. Folglich musste es kalt sein
im Haus. Es gab wohl mal wieder Probleme mit der Heizung.
Meine Frau stand am Gasherd und machte Kaffee. Der Topf für
den Hund stand ebenfalls auf dem Feuer. Sie schaute mürrisch und
unzufrieden drein. Ihre Bewegungen waren schlaff. Plötzlich hob sie
den Kopf, schritt leichten Fußes zum Fenster, sah sich den Regen
draußen an und lächelte. Der Kaffee war inzwischen übergelaufen,
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und sie nahm den Cezve* vom Herd. Doch sie regte sich nicht auf
wie sonst. Sie zog ihre Jacke aus …
Da erwachte ich.
«So? Hast du sie gesehen?», fragte Anastasia.
«Das schon, aber vielleicht war es ja ein gewöhnlicher Traum.»
«Wie könnte er gewöhnlich sein? Du hast dir doch gewünscht,
sie zu sehen!»
«Ja, das wollte ich, und ich habe sie gesehen. Doch wo ist der
Beweis, dass sie zum Zeitpunkt meines Traumes tatsächlich in der
Küche war?»
«Wenn du dir sicher sein willst, dann merke dir den Tag und die
Zeit. Wenn du nach Hause kommst, kannst du sie fragen. Ist dir
sonst nichts Ungewöhnliches aufgefallen?»
«Nein.»
«Hast du denn nicht ihr Lächeln bemerkt, als sie ans Fenster
trat? Selbst der übergekochte Kaffee konnte ihr die gute Laune nicht
verderben.»
«Sie wird wohl draußen etwas gesehen haben, was sie aufgeheitert
hat.»
«Nein, draußen hat sie nur Regen gesehen, und den hat sie noch
nie gemocht.»
«Warum hat sie dann gelächelt?»
«Ich habe sie auch betrachtet — mit Hilfe meines Strahls — und
sie erwärmt.»
«Dein Strahl hat sie also erwärmt. Und was ist mit meinem
Strahl? Ist der etwa kalt?»
«Du hast sie nur aus Neugier angesehen, ohne dein Gefühl mit
einfließen zu lassen.»
«Dein Strahl kann also einen Menschen aus der Ferne erwärmen?
»
«Genau.»
* ein meist nach oben schmäler werdendes Metallgefäß, oft aus Messing oder
Kupfer, mit einem langen Stiel. In ihm wird der traditionelle türkische Kaffee
zubereitet.
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«Und was kann er sonst noch?»
«Man kann damit Informationen übertragen und empfangen,
die Stimmung eines Menschen heben und sogar seine Krankheiten
teilweise heilen. Dabei kommt es auf die vorhandene Energie, die
Intensität der Gefühle, die Willenskraft und die Wünsche an.»
«Kannst du auch in die Zukunft sehen?»
«Gewiss!»
«Und in die Vergangenheit?»
«Zukunft und Vergangenheit sind fast das Gleiche. Sie unterscheiden
sich voneinander nur durch äußerliche Einzelheiten. Im
Kern ändert sich nichts.»
«Wie soll ich das verstehen? Was bleibt unverändert?»
«Zum Beispiel: Vor Tausenden von Jahren trugen die Menschen
andersartige Kleidung. Sie gebrauchten andere Haushaltsgegenstände.
Aber daraufkommt es nicht an. Ob vor Jahrtausenden oder
heute – die Menschen haben immer die gleichen Gefühle, unabhängig
von der Zeit: Furcht, Freude, Liebe. Jaroslaw der Weise,
Iwan der Schreckliche oder ein Pharao im alten Ägypten konnten
genauso Frauen lieben, wie du und andere es heute tun.»
«Klingt interessant, aber mir ist nicht ganz klar, was das bedeutet.
Willst du damit sagen, jede dieser Personen hatte die gleiche Art
von Strahl?»
«Ja, natürlich. Und auch die heutigen Menschen sind durchaus
noch in der Lage, etwas zu erfühlen oder intuitiv zu erahnen; sie
haben Träume und Phantasien und können manchmal Situationen
vorhersehen oder im Geiste modellieren. Nur läuft das bei euch alles
völlig unkontrolliert und chaotisch ab.»
«Vielleicht ist einfach etwas Schulung in Form von Übungen
vonnöten?»
«Ja, mit Hilfe von Schulung ginge es. Aber weißt du, Wladimir,
da gäbe es noch eine unerlässliche Voraussetzung, damit der Strahl
sich unserem Willen fügt.»
«Was für eine Voraussetzung?»
«Man muss unbedingt rein im Geiste sein, denn die Kraft des
Strahls ist von der Stärke der positiven Gefühle abhängig.»
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«Ach so! Da dachte ich schon, ich kapiere es allmählich … und
jetzt kommst du auf einmal mit der Reinheit des Geistes und positiven
Gefühlen. Was hat das zu bedeuten?»
«Darauf beruht die Energie des Strahls.»
«Genug, Anastasia. Das wird mir langsam alles zuviel. Am Ende
wirst du noch etwas hinzufügen.»
«Das Wesentliche habe ich bereits gesagt.»
«Mag sein, aber es sind mir zu viele Bedingungen. Lass uns lieber
über etwas anderes reden. Etwas Einfacheres.»
Den ganzen Tag verbringt Anastasia mit Nachdenken, wobei sie
in ihrem Geist alle möglichen Situationen unserer Vergangenheit,
Gegenwart und Zukunft entstehen lässt.
Sie hat ein phänomenales Gedächtnis. Sie erinnert sich an eine
große Anzahl von Menschen, die sie in ihrer Vorstellung oder mit
Hilfe ihres Strahls gesehen hat, sowie an deren Gefühle. Wie eine
hervorragende Schauspielerin kann sie deren Gang, deren Stimme
und deren Art zu denken nachahmen.
Sie sammelt die Lebenserfahrungen vieler Menschen aus Vergangenheit
und Gegenwart und bewahrt sie auf. Sie benutzt diese
Erfahrungen, modelliert die Zukunft und hilft so anderen Menschen.
Sie tut dies aus großen Entfernungen, und zwar mit Hilfe
ihres unsichtbaren Strahls. Die Menschen, denen sie hilft, Entscheidungen
zu treffen, oder die sie heilt, ahnen noch nicht einmal etwas
davon.
Später erfuhr ich, dass von jedem Menschen solche unsichtbaren
Strahlen ausgehen, nur in unterschiedlicher Intensität. Der Wissenschaftler
Akimow hatte sie mit speziellen Geräten fotografiert
und die Aufnahmen 1996 im Maiheft der Zeitschrift Wunder und
Abenteuer veröffentlicht.
Leider sind wir nicht in der Lage, diese Strahlen wie Anastasia
zu benutzen. Der wissenschaftliche Begriff für dieses Phänomen ist
«Torsionsfeld».
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Anastasias Weltanschauungen sind sehr seltsam und interessant.
«Was ist Gott, Anastasia? Gibt es Ihn? Wenn ja, warum hat Ihn
noch niemand gesehen?»
«Gott ist Geist, kosmisches Bewusstsein. Er stellt aber nicht eine
einheitliche Substanz dar. Eine Hälfte von Ihm befindet sich im immateriellen
Bereich des Universums. Das ist Gesamtspektrum aller
Energien. Die zweite Hälfte von Ihm ist auf der Erde aufgeteilt und
ist auch in jedem Menschen präsent. Die dunklen Kräfte bemühen
sich immer wieder, diese göttlichen Teilchen zu blockieren.»
«Was erwartet unsere Gesellschaft in der Zukunft?»
«Die Menschen werden verstehen, dass die technokratische
Entwicklung zum Untergang führt, und man wird sich an den Ursprung
wenden.»
«Willst du damit sagen, alle unsere Wissenschaftler seien nicht
recht bei Trost und führen uns in den Ruin?»
«Ich will damit sagen, dass sie durch ihre Arbeit den Vorgang
beschleunigen und damit auch zur Bewusstwerdung der Fehlentwicklung
beitragen.»
«Und was ist mit all den Maschinen und Häusern, die wir bauen?
Ist das etwas alles umsonst?»
«Allerdings.»
«Ist es dir nicht langweilig, hier allein zu leben, Anastasia – ohne
Fernseher und Telefon?»
«Das sind recht primitive Geräte. Der Mensch hatte sie von Anfang
an, nur in vollkommenerer Art. Auch ich habe sie.»
«Fernseher und Telefon?»
«Was ist denn schon ein Fernseher? Ein Gerät, mit dessen Hilfe
man Menschen mit fast völlig verkümmerter Einbildungskraft ein
paar wenige Informationen, Bilder und Themen darbietet. Mit meiner
Imagination kann ich beliebige Bilder und die unglaublichsten
Situationen und Geschichten kreieren. Außerdem kann ich in ihnen
teilnehmen und sie beeinflussen. Ach, wahrscheinlich habe ich mich
wieder nicht klar genug ausgedrückt, oder?»
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«Und wie steht es mit dem Telefon?»
«Die Menschen brauchen kein Telefon. Um über weite Entfernungen
zu kommunizieren, braucht man nur den Willen, den
Wunsch und eine genügend entwickelte Einbildungskraft, natürlich
auf beiden Seiten.»
8
Ein Konzert in der Taiga
Ich schlug Anastasia vor, nach Moskau zu kommen und dort im
Fernsehen aufzutreten.
«Stell dir vor, Anastasia, mit deiner Schönheit könntest du ein
Topmodell von Weltrang werden.»
Ihre Reaktion zeigte mir, dass nichts Irdisches ihr fremd war. Wie
jeder anderen Frau gefiel es auch ihr, als Schönheit zu gelten.
Anastasia lachte freudig. «Die Aller-, Allerschönste, ja?», fragte
sie und begann herumzualbern wie ein Kind. Sie schritt über die
Lichtung, als sei sie ein Modell auf dem Laufsteg.
Es sah urkomisch aus, wie sie nach Art eines Mannequins ein
Bein vor das andere setzte und dabei nicht vorhandene Kleider vorführte.
Ich applaudierte. Dann schlüpfte ich in die Rolle eines Ansagers
und verkündete: «Und nun, verehrtes Publikum, sehen Sie die
unübertroffene Akrobatin und einzigartige Schönheit Anastasia!»
Das spornte sie noch mehr an. Sie lief in die Mitte der Lichtung
und schlug einen unglaublichen Salto, dann einen Salto rückwärts,
gefolgt von einem Rad nach links und einem nach rechts. Dann
sprang sie sehr hoch und ergriff mit einer Hand den Ast eines Baumes,
hängte sich daran, schwang zweimal hin und her und wuchtete
sich zum nächsten Baum. Nach einem weiteren Salto verbeugte sie
sich graziös, und ich klatschte. Dann lief sie fort und versteckte
sich hinter einem dichten Gebüsch. Lächelnd lugte sie aus ihrem
Versteck hervor wie ein Schauspieler hinter den Kulissen und erwartete
ungeduldig meine nächste Ansage. Ich erinnerte mich an eine
Videokassette mit Aufzeichnungen meiner Lieblingslieder, vorgetragen
von bekannten Sängern. Manchmal sah ich sie mir abends in
meiner Kajüte an. Ohne zu wissen, ob Anastasia etwas davon vorführen
könnte, kündigte ich an: «Verehrtes Publikum, jetzt werden
Ihnen die besten Popsänger der Gegenwart ihre schönsten Lieder
vortragen. Bitteschön!»
Nun musste ich erleben, wie sehr ich mich in ihr getäuscht hatte,
denn sie tat etwas Unglaubliches, etwas, was ich ihr nie zugetraut
hätte. Anastasia trat hinter den «Kulissen» hervor und sang mit der
Stimme Alla Pugatschowas. Nein, das war nicht etwa eine Parodie
auf jene große Sängerin — sie versuchte nicht einfach, ihre Stimme
zu imitieren. Vielmehr kam der Gesang von Herzen, und sie gab
nicht nur Stimme und Melodie, sondern auch die Emotionen originalgetreu
wieder.
Noch erstaunlicher jedoch war, wie Anastasia einzelne Wörter
betonte und damit dem Lied neue, eigene Akzente verlieh, sodass
Alla Pugatschowas Interpretation des Liedes, die ich bislang für unübertrefflich
gehalten hatte, um ein ganzes Spektrum von Gefühlen
bereichert wurde. Auch in ihrer Gestik war Anastasia ausdrucksvoller,
so zum Beispiel bei der hervorragenden Darbietung der folgenden
Strophe:
Es lebte einst ein Malersmann,
der ein Häuschen nur hatte und Leinwand.
Doch eines Tages verlor er dann
Sein Herz an eine Schauspielerin,
Die Blumen stets hatte im Sinn.
Da verkaufte der arme Maler sein Haus,
Seine Bilder und auch seine Leinwand,
Und all sein Geld, das gab er aus
Für ein Blumenmeer, wie man sonst keins fand…
Anastasia legte besondere Betonung auf das Wort «Leinwand». Verwirrt,
beinahe erschrocken rief sie dieses Wort aus. Die Leinwand
ist einem Maler am teuersten, denn ohne sie kann er nicht schaffen.
Der Maler in jenem Lied aber gibt sie her um der Liebe zu einer
Frau willen. Bei den Worten «Und der Zug brachte sie weit, weit
fort» stellte sie den Schmerz, die Verzweiflung und die Verwirrung
dar, mit denen der verliebte Maler dem Zug nachschaut, der seine
Geliebte auf Nimmerwiedersehen von ihm trennt.
Alles, was ich dabei erlebte, war so überwältigend, dass ich
vergaß, Beifall zu klatschen, als das Lied zu Ende war. Anastasia
verbeugte sich und wartete eine Weile vergeblich auf den Applaus.
Dann begann sie mit noch größerem Eifer, ein weiteres Lied zu singen.
Sie sang alle meine Lieblingslieder, und zwar in der gleichen
Reihenfolge, wie sie auf meiner Videokassette aufgezeichnet waren.
Und jedes der Lieder, die ich ja schon mehrmals gehört hatte, übertraf
das Original an Glanz und Ausdruckskraft. Nach dem letzten
Lied ging sie hinter die Kulissen, ohne Beifall erhalten zu haben.
Wie entgeistert saß ich eine Weile da, dann erst sprang ich auf,
klatschte in die Hände und rief: «Prima, Anastasia! Da capo! Bravo!
Alle Künstler auf die Bühne!» Anastasia kam zögernd hinter den
Kulissen hervor, während ich immer wieder «Da capo! Bravo!» rief,
in die Hände klatschte und mit den Füßen stampfte.
Auch sie kam in Stimmung, klatschte in die Hände und rief: «Da
capo — bedeutet das Zugabe?»
«Ja, Zugabe, Zugabe und nochmals Zugabe! Du bist einfach
Spitze, Anastasia, noch besser als unsere Stars.»
Dann verstummte ich und musterte sie aufmerksam. Wie vielseitig
sie war, wie reich ihre Seele sein musste, wenn sie die bereits
vollendete Darbietung all dieser Lieder um so viele neue, schöne
Nuancen zu bereichern vermochte! Auch sie schwieg und sah mich
forschend an. Dann fragte ich sie: «Anastasia, kannst du auch eigene
Lieder singen? Ich meine etwas, was ich noch nie gehört habe?»
«Ja, das kann ich, aber mein Lied ist ohne Worte. Ich weiß nicht,
ob es dir gefallen wird.»
«Bitte sing es.»
Und sie sang ihr außergewöhnliches Lied. Zuerst hörte es sich
an wie das Schreien eines Neugeborenen. Dann klang ihre Stimme
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leise, sanft und zärtlich. Mit verschränkten Armen und geneigtem
Kopf stand sie unter einem Baum, so als hielte sie ein Kind in den
Händen und liebkoste es mit ihrer Stimme. Sie sprach zärtliche
Worte zu ihm. Alles in der Natur verstummte, auch die Vögel und
die Grillen im Gras, so außerordentlich schön und rein war dieser
leise Gesang. Dann tat sie so, als freute sie sich über das Erwachen
des Kindes. Ein Jubel lag in ihrer Stimme. Unglaublich hohe Töne
schwebten über der Erde und stiegen auf in die Unendlichkeit des
Alls. Anastasias Stimme klang bald flehend, bald streitend, bald
wieder sanft, als liebkoste sie das Kind, und bald freudestrahlend,
als wolle sie ihr Glück mit der ganzen Umgebung teilen.
Dieses Gefühl der Freude erfasste auch mich. Als sie ihr Lied beendet
hatte, rief ich lauthals: «Und nun, meine Damen und Herrn,
erleben Sie den einzigartigen Auftritt der besten, kühnsten und
bezauberndsten Dompteuse der Welt, die jedes beliebige Raubtier
zähmen kann. Schauen Sie zu und zittern Sie mit!»
Anastasia johlte vor Begeisterung, sprang auf, klatschte in die
Hände, rief etwas und pfiff laut. Und nun geschah auf der Lichtung
etwas Unvorstellbares.
Als erstes sprang eine Wölfin aus dem Gebüsch heraus. Sie blieb
am Rande der Lichtung stehen und schaute sich forschend um.
Auf den umstehenden Bäumen tauchten Eichhörnchen auf, von
einem Ast zum anderen springend. In geringer Höhe zogen zwei
Adler ihre Kreise. In den Büschen und Sträuchern raschelten kleine
Tiere. Dann hörte ich das Knacken trockener Zweige. Ein riesiger
Bär brach durch das Dickicht auf die Lichtung heraus und blieb wie
angewurzelt in der Nähe Anastasias stehen.
Die Wölfin knurrte ihn missbilligend an. Anscheinend war der
Bär Anastasia zu nahe gekommen, ohne eine Einladung dazu erhalten
zu haben. Anastasia lief rasch zum Bären hin, tätschelte ihm
die Schnauze, fasste ihn an den Vorderpfoten und brachte ihn dazu,
sich aufzurichten. Dabei strengte sie sich kaum an, vielmehr schien
der Bär ihren Befehlen zu gehorchen. Er stand unbeweglich da und
bemühte sich zu begreifen, was geschah. Anastasia nahm Anlauf,
sprang hoch, hielt sich am Fell des Bären fest, machte einen Hand-
54
stand und sprang mit einem Überschlag vom Bären hinab. Dann
ergriff sie seine Pfote, bückte sich und zog dabei den Bären über
sich herüber. Es sah aus, als würfe sie ihn über sich. Dieser Trick
wäre nicht möglich gewesen, hätte der Bär nicht von sich aus mitgemacht.
Anastasia lenkte ihn nur. Im letzten Moment muss sich
der Bär mit einer Pfote auf der Erde abgestützt haben, um seiner
Freundin und Herrin keinen Schaden zuzufügen.
Die Erregung der Wölfin nahm zu. Sie konnte das nicht ruhig
mit ansehen und lief missmutig hin und her, wobei sie immer heftiger
knurrte. Am Rande der Lichtung erschienen weitere Wölfe.
Als Anastasia nochmals den Bären über sich warf, sodass er einen
weiteren Purzelbaum schlug, fiel der Bär auf die Flanke und rührte
sich nicht mehr.
Die Wölfin fletschte mit den Zähnen und rannte mit schnellen
Sätzen in seine Richtung, doch Anastasia stellte sich ihr blitzschnell
in den Weg. Die Wölfin bremste mit allen Vieren, überschlug sich
und krachte gegen Anastasias Beine. Anastasia strich ihr über den
Widerrist, und die Wölfin legte sich folgsam nieder. Dann winkte
Anastasia mit der anderen Hand, wie sie es getan hatte, als ich
versucht hatte, sie ohne ihre Einwilligung zu umarmen. Der Wald
rauschte heftig, aber nicht drohend. Die gleiche Erregung konnte
man auch bei den großen und kleinen Tieren spüren, die umherliefen,
hin und her sprangen oder sich versteckten. Anastasia machte
sich daran, ihre Erregung zu vermindern. Zuerst streichelte sie die
Wölfin, dann klopfte sie ihr leicht über den Widerrist und entließ sie
mit einem Klaps wie einen Hund. Der Bär lag reglos auf der Seite,
in einer ganz ungewöhnlichen Stellung, als sei er ausgestopft. Wahrscheinlich
wartete er auf weitere Anweisungen. Anastasia kam zu
ihm, richtete ihn auf, tätschelte ihm die Schnauze und schickte auch
ihn fort. Mit glühenden Wangen setzte sie sich heiter neben mich
und atmete einmal tief und langsam durch. Dann jedoch beruhigte
sich ihr Atem sofort wieder, als wären die unglaublichen Übungen,
die sie soeben vorgeführt hatte, nichts Besonderes für sie.
«Die Tiere verstehen sich nicht besonders auf diese Schaustellerei,
und das brauchen sie auch gar nicht. Irgendwie ist es nicht
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gut», bemerkte Anastasia. Dann fragte sie mich: «Na, wie findest
du mich? Habe ich eine Chance, in eurer Welt eine Anstellung zu
finden?»
«Du machst das großartig. Aber all das gibt es bei uns bereits.
Im Zirkus kann man viele interessante Tricks mit Tieren sehen.
Dort kannst du dich nicht durchsetzen. Es gibt da viele Hindernisse
— Bürokratie, Formalitäten und Intrigen. Darin kennst du dich
nicht aus.»
Wir spielten noch lange mit diesen Gedanken und besprachen
verschiedene Möglichkeiten, wo in unserer Welt Anastasia eine Anstellung
finden könnte und wie die dabei auftretenden Formalitäten
zu überwinden seien. Es gelang uns aber nicht, etwas Passendes zu
finden, denn Anastasia hatte weder Schulzeugnisse noch Anmeldebescheinigungen.
Niemand würde ihr ihre Geschichten über ihre
Herkunft abnehmen, auch dann nicht, wenn sie ihre besonderen
Fähigkeiten als Beweismittel vorführte.
Dann sprach Anastasia in ernsterem Ton: «Ich möchte gern noch
einmal eine Stadt besuchen — vielleicht sogar Moskau —, um mich
zu überzeugen, ob ich mir bestimmte Situationen in eurem Leben
richtig vorstelle. Zum Beispiel ist es mir unbegreiflich, wie die
dunklen Kräfte es schaffen, die Frauen dermaßen zu verdummen,
dass sie ahnungslos die Männer mit ihren Reizen anziehen und
ihnen somit die richtige Wahl unmöglich machen, die Wahl der
Seele. Dann müssen sie leiden, weil sie keine richtige Familie haben
können, denn …»
Und wieder stellte Anastasia verblüffende, anspruchsvolle Überlegungen
an, diesmal über Sex, Familie und Kindeserziehung. Ich
dachte: «Das Unglaublichste von allem, was ich gesehen und gehört
habe, ist wohl ihre Fähigkeit, über unser Leben so zu urteilen, als
hätte sie ausführliche und sichere Informationen darüber.»
9
Einen neuen Stern entfachen
Ich befürchtete, dass Anastasia mir auch in der zweiten Nacht eine
Bärin ins Bett legen könnte oder eine neue Überraschung parat
hätte. Deshalb erklärte ich ihr kategorisch, dass ich überhaupt nicht
schlafen gehen würde, es sei denn, sie schlafe bei mir. Ich dachte
mir: «Wenn sie neben mir liegt, kann sie nichts anstellen.»
Ich sagte also: «Eine schöne Gastfreundschaft ist mir das! Als du
mich zu dir nach Hause einludst, dachte ich, es gäbe hier zumindest
eine Art Haus. Pustekuchen! Und dann erlaubst du mir noch
nicht einmal, ein Lagerfeuer zu machen. Obendrein legst du mir in
der Nacht auch noch ein Raubtier ins Bett. Wenn du kein richtiges
Haus hast, solltest du auch niemanden einladen.»
«Schon gut, Wladimir, beruhige dich und hab bitte keine Angst!
Dir wird nichts passieren. Wenn du möchtest, kann ich neben dir
schlafen und dich wärmen.»
Diesmal gab es in der Bärenhöhle noch mehr Zedernzweige, und
sie war völlig mit trockenem Gras ausgelegt. Selbst in den Wänden
steckten frische Zedernzweige.
Ich zog mich aus. Hose und Pullover machte ich mir als Kopfkissen
zurecht, dann legte ich mich hin und deckte mich mit meiner
Jacke zu.
Die Zedernzweige strömten jenes phytonzidhaltige Aroma aus,
von dem es in der populärwissenschaftlichen Literatur heißt, es
desinfiziere die Luft. Übrigens ist die Luft in der Taiga ohnehin so
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rein, dass es eine Wohltat ist, sie einzuatmen. Trockenes Gras und
Blumen verliehen der Luft ein ungewöhnlich feines Aroma.
Anastasia hielt ihr Wort und legte sich neben mich. Ich bemerkte,
dass der Duft ihres Körpers die anderen Wohlgerüche noch
übertraf. Er war angenehmer als die erlesensten Parfüme, die ich je
gerochen hatte. Es kam mir jedoch nicht in den Sinn, mich ihr zu
nähern. Seit jenem Versuch auf dem Wege zu Anastasias Lichtung,
nach der Angst, die mich damals gepackt hatte, und nach der Ohnmacht
verspürte ich kein Verlangen nach ihr, selbst wenn ich sie
nackt sah.
Wie ich so dalag, träumte ich von einem Sohn. Meine Frau hatte
mir keinen Knaben geboren. Ich dachte mir: «Es wäre toll, wenn ich
einen Sohn von Anastasia hätte! Sie ist kerngesund, abgehärtet und
schön. Folglich würde das Kind ebenfalls gesund sein. Es soll mir
ähneln. Natürlich soll mein Sohn auch etwas von ihr haben, aber
mehr von mir. Stark wird er sein und klug. Er wird viel wissen und
talentiert und glücklich sein.
Ich stellte mir mein Söhnchen vor, wie es sich an Anastasias
Brust schmiegte, und unwillkürlich legte ich meine Hand auf ihre
feste, warme Brust. Sofort durchlief ein kurzes Zittern meinen Körper,
aber es war kein ängstliches Zittern, sondern ein anderes, ungewöhnlich
angenehmes Zittern. Ich ließ meine Hand auf ihr ruhen
und wartete mit angehaltenem Atem, was als Nächstes geschehen
würde. Da spürte ich, wie sie ihre weiche Hand auf meine Hand
legte. Sie wies mich also nicht zurück. Ich richtete mich auf und
betrachtete Anastasias anmutiges Gesicht. Das Dämmerlicht der
nördlichen Sommernacht machte sie noch attraktiver. Ich konnte
meinen Blick nicht von ihr wenden. Ihre graublauen Augen sahen
mich zärtlich an. Nun konnte ich mich nicht mehr beherrschen.
Ich beugte mich zu ihr herab und küsste schnell und behutsam ihre
leicht geöffneten Lippen. Wieder durchlief mich ein angenehmes
Zittern. Der Duft ihres Atems umhüllte mein Gesicht. Über ihre
Lippen kamen nicht, wie letztes Mal, die Worte: «Bitte lass das!»,
und ich hatte keine Angst. Der Gedanke an einen Sohn ließ mich
nicht los. Und als Anastasia mich zärtlich umarmte, mir die Haare
streichelte und sich ergeben an mich schmiegte, fühlte ich mich wie
im siebten Himmel.
Erst als ich am nächsten Morgen erwachte, wurde mir klar,
dass ich noch nie in meinem Leben eine derartige Seligkeit und
Zufriedenheit erfahren hatte. Merkwürdig war auch, dass ich nicht
erschöpft war, wie es normalerweise der Fall ist, nachdem man mit
einer Frau geschlafen hat. Mir war, als hätte ich etwas Großartiges
geschaffen. Meine Zufriedenheit war nicht nur physischer Art,
sondern mir war, als sei etwas Unbekanntes, Wunderschönes und
Freudiges geschehen. Mir kam sogar der Gedanke, dass diese Empfindung
allein das Leben lebenswert mache. Warum hatte ich früher
nichts Vergleichbares empfunden, obwohl ich viele Verhältnisse mit
Frauen gehabt hatte, auch mit schönen Frauen, mit Frauen, die ich
liebte und die in der Liebe erfahren waren.
Anastasia war noch unberührt gewesen. Sie war eine sensibles,
zärtliches Mädchen. Doch sie hatte noch etwas anderes, etwas, was
mir noch in keiner anderen Frau begegnet war.
Doch was war das? Wo war sie? Ich kroch zum Höhleneingang,
lugte durch das Schlupfloch aus der gemütlichen Bärenhöhle hinaus
und betrachtete die Lichtung, die sich unterhalb unseres etwas
erhöht gelegenen idyllischen Nachtlagers vor mir erstreckte. Sie war
von einem halben Meter dichten Bodennebels bedeckt. Darin drehte
sich Anastasia mit ausgebreiteten Armen im Kreise. Durch ihre
Drehbewegungen wirbelte sie den Nebel zu einem Wölkchen auf,
und wenn es sie völlig verhüllte, machte Anastasia einen leichten Satz
und schwebte wie eine Ballerina mit gespreizten Beinen über die
Nebelschicht. Dann ließ sie sich an einer neuen Stelle nieder, drehte
sich wieder im Kreise und wirbelte lachend eine neue Wolke auf,
durch die die kosenden Strahlen der aufgehenden Sonne drangen.
Dieses Bild bezauberte und entzückte mich, und aus überschwänglicher
Freude rief ich: «Ana-sta-si-a! Guten Morgen, schöne
Waldfee Ana-sta-si-aaa!»
«Guten Morgen, Wladimir!», rief sie fröhlich zurück.
«Alles ist so herrlich und wunderbar! Wie kommt das?», rief ich
aus vollem Halse.
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Anastasia streckte die Hände der Sonne entgegen, ließ ihr glückliches,
reizendes Lachen erklingen und rief mir und jemandem in
der Höhe mit singender Stimme zu: «Von allen Lebewesen im Weltall
ist es allein dem Menschen beschieden, so etwas zu er-le-he-ben!
Nur einem Mann und einer Frau, die sich ein gemeinsames Kind
wünschen! Nur dem Menschen, der bestrebt ist zu er-schaf-fen!
Nur ein Mensch, der das erlebt hat, entfacht einen neuen Stern! Ich
danke di-hi-hir!»
Dann wandte sie sich mir zu und fugte rasch hinzu: «Nur ein
Mensch, der nach Schöpfertum strebt und nicht nach der Befriedigung
seiner sexuellen Verlangen.»
Wieder begann sie hellauf zu lachen, sprang in die Luft, spreizte
ihre Beine und glitt über den Nebel dahin. Dann kam sie zu mir
gerannt, setzte sich neben den Höhleneingang und machte sich
daran, mit den Fingern von unten nach oben ihre goldenen Haare
zu kämmen.
«Du denkst also nicht, Sex sei eine Sünde?», fragte ich.
Anastasia hielt inne, sah mich erstaunt an und erwiderte: «War
das etwa das, was man bei euch mit dem Wort Sex bezeichnet?
Wenn nicht, was ist dann eine größere Sünde: sich hinzugeben,
damit ein neuer Mensch zur Welt kommt, oder sich zu enthalten
und damit die Geburt eines Menschen, eines richtigen Menschen
zu verhindern?»
Ich dachte nach. In der Tat war das übliche Wort «Sex» eine
völlig unzutreffende Bezeichnung für das nächtliche Erlebnis mit
Anastasia. Aber was war es dann? Mit welchem Wort konnte man es
bezeichnen? Ich fragte weiter.
«Warum ist so etwas weder mir noch anderen schon früher widerfahren?
»
«Sieh mal, Wladimir, die dunklen Kräfte haben es darauf abgesehen,
die niedrigen Bedürfnisse des Fleisches im Menschen anzustacheln,
damit er diese Gottesgabe der Seligkeit nicht erfahren kann.
Mit allen möglichen Mitteln versuchen sie den Menschen davon zu
überzeugen, dass er mühelos Zufriedenheit findet, indem er stets
an fleischliche Freuden denkt. Auf diese Weise fuhren sie den Mensehen
weit weg von der Wahrheit. Die armen, betrogenen Frauen
wissen davon nichts und leiden ihr ganzes Leben auf der Suche nach
der verlorenen Glückseligkeit. Sie suchen am falschen Ort. Keine
Frau ist imstande, einen Mann von der Unzucht abzuhalten, wenn
sie selbst sich ihm nur um der Befriedigung ihres Geschlechtstriebes
willen hingibt. Wenn dies der Fall ist, können sie kein glückliches
Zusammenleben führen. Ihre Zweisamkeit ist nur eine Illusion des
Zusammenseins, eine Lüge, ein gesellschaftlich etablierter Betrug;
denn die Frau wird selbst unzüchtig, ganz gleich, ob sie mit dem
Mann verheiratet ist oder nicht.
Ach, wie viele Gesetze und Bräuche, religiöse wie weltliche, hat
der Mensch erdacht, um diese falsche Ehe künstlich zu festigen!
Doch was hat das alles gebracht? Sie zwangen die Menschen, sich
anzupassen und zu verstellen, um den Schein der Ehe zu wahren.
Die inneren Neigungen aber blieben unverändert und unabhängig
von den Umständen und den Menschen.
Jesus Christus erkannte das und versuchte, sich diesem Betrug zu
widersetzen. Er sagte: <Wer eine Frau auch nur lüstern ansieht, hat
in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen.>
Noch vor kurzem habt ihr versucht, Menschen zu brandmarken,
die ihre Familie verließen. Doch nichts und niemand konnte jemals
den Wunsch des Menschen aufhalten, beharrlich nach der intuitiv
empfundenen Glückseligkeit, der großen Befriedigung zu suchen.
Die falsche Ehe ist etwas Furchtbares.
Denk doch mal an die Kinder, Wladimir! Weißt du, Kinder
empfinden den Lug und Betrug einer solchen Ehe ganz genau. Und
als Folge davon bezweifeln sie alle Worte der Eltern. Die Kinder
empfinden unbewusst die Lüge, bereits zum Zeitpunkt der Empfängnis.
Deswegen geht es ihnen schlecht.
Was denkst du, wer möchte als Folge geschlechtlichen Genusses
geboren werden? Jeder möchte aus einem großen Drang zur Liebe
und zum Schöpferischen erschaffen werden und nicht als Folge von
Geschlechtsgenuss zur Welt kommen.
Diejenigen, die eine falsche Ehe geschlossen haben, werden
insgeheim immer wieder nach wahrer Befriedigung suchen. Sie
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werden versuchen, immer neue Körper zu besitzen, oder sich aus
Frustration selbst befriedigen, wobei sie innerlich sehr wohl ahnen,
dass sie sich dadurch von dem echten Glück einer wahren Ehe mehr
und mehr entfernen.»
«Stopp mal, Anastasia! Sind ein Mann und eine Frau etwa unwiderruflich
verdammt, wenn sie einmal in eine lustvolle Beziehung
geschliddert sind? Gibt es für sie keine Umkehr, keine Möglichkeit
der Besserung?»
«Doch, das ist schon möglich. Und ich weiß jetzt auch, was zu
tun ist. Aber wie, mit welchen Worten kann man das ausdrücken?
Die ganze Zeit suche ich schon nach solchen Worten. In der Vergangenheit
habe ich sie gesucht und in der Zukunft, aber vergeblich.
Vielleicht sind sie ja schon ganz nahe? Und bald erscheinen
sie dann, diese neuen Worte, die in der Lage sind, Herz und Verstand
anzusprechen. Neue Worte über die alte Wahrheit der Urquellen.
»
«Mach dir nicht so viel daraus, Anastasia. Sag es einfach mit den
Worten, die es schon gibt, selbst wenn sie nicht völlig zutreffend
sind. Was braucht man sonst noch für wahre Befriedigung außer
zwei Körpern?»
«Auf das Bewusstsein kommt es an! Auf das beiderseitige Streben
nach dem Schöpferischen und auch auf Aufrichtigkeit und reine
Absichten.»
«Woher weißt du das alles, Anastasia?»
«Das ist nicht nur mir bekannt. Erleuchtete Meister wie Veles,
Krishna, Rama, Shiwa, Christus, Mohammed und Buddha haben
versucht, den Menschen das Wesentliche beizubringen.»
«Hast du über sie gelesen? Wo, wann?»
«Nein, habe ich nicht. Ich weiß einfach, was sie gesagt und gedacht
haben und was sie wollten.»
«Also, einfach nur so Sex zu haben ist deiner Ansicht nach
schlecht?»
«Sehr schlecht. Es führt die Menschen von der Wahrheit weg
und zerstört die Familie. Eine Unmenge an Energie wird auf diese
Weise verschwendet.»
«Aber warum gibt es dann so viele Pornofilme und Zeitschriften
mit Bildern nackter Frauen in erotischer Pose? Anscheinend mögen
die Leute das, denn schließlich ist das Angebot von der Nachfrage
abhängig. Willst du etwa behaupten, die Menschheit sei durch und
durch schlecht?»
«Die Menschheit ist nicht schlecht, aber sie unterliegt dem starken
Einfluss der dunklen Kräfte, die den Geist des Menschen verwirren
und die niederen Triebe des Fleisches anstacheln. So werden die
Menschen in unsägliches Leid und Elend gestürzt. Dabei bedienen
sich die Dunkelmächte des Mediums der Frau, insbesondere ihrer
Schönheit. Die Schönheit der Frau ist eigentlich dazu bestimmt, im
Manne den Sinn für Dichtung, Kunst und Kreativität zu erwecken
und zu pflegen. Dazu muss aber die Frau selbst rein sein. Ist dies
nicht der Fall, wird sie versuchen, den Mann mit ihren körperlichen
Reizen zu verführen, sozusagen durch den äußerlichen Glanz einer
leeren Hülle. Dadurch betrügt sie den Mann, und für diesen Betrug
muss sie selbst das ganze Leben hindurch leiden.»
«Und was hat das alles zu bedeuten? In all den Jahrtausenden
ihrer Existenz hat es die Menschheit nicht geschafft, sich des Einflusses
der dunklen Kräfte zu erwehren. Demnach sind sie stärker als
der Mensch. Trotz all der Ermahnungen der erleuchteten Meister,
wie du sie nennst, ist er dem Einfluss der Dunkelmächte unterlegen.
Vielleicht ist es ja gar nicht möglich, sie zu bekämpfen, vielleicht
sogar nicht einmal nötig?»
«Doch, es ist möglich, und es ist auch nötig. Ganz bestimmt!»
«Wer kann denn das tun?»
«Die Frauen, die es geschafft haben, die eigene Bestimmung und
die Wahrheit zu erkennen. Durch sie werden sich auch die Männer
ändern.»
«Das glaube ich kaum, Anastasia. Einen normalen Mann werden
die schönen Brüste oder Beine einer Frau immer sexuell erregen —
besonders wenn er auf Dienstreise ist oder im Urlaub, also weit weg
von seiner Partnerin. So ist es nun mal. Und niemand wird daran
etwas ändern. Das schafft keiner.»
«Ich habe es doch bei dir geschafft!»
«Was hast du geschafft?»
«Jetzt wirst du dich nicht mehr mit diesem unseligen Sex beschäftigen
können.»
Ein furchtbarer Gedanke durchfuhr mich wie ein Stromschlag,
und das schöne Gefühl der Nacht verflüchtigte sich schlagartig.
«Was hast du getan, Anastasia? Bin ich jetzt … bin ich etwa
impotent?»
«Im Gegenteil. Erst jetzt bist du ein richtiger Mann geworden.
Nur wird der gewöhnliche Sex dich jetzt abstoßen. Er wird dir nicht
das geben können, was du jetzt erlebt hast. Eine solche Erfahrung
ist nur dann möglich, wenn du dir von der Frau ein Kind wünschst
und wenn die Frau den gleichen Wunsch hat – mit anderen Worten,
wenn sie dich liebt.»
« . . . sie dich liebt? Unter solchen Bedingungen kann es nur ein
paar Mal im Leben vorkommen.»
«Das ist aber ausreichend, um ein ganzes Leben glücklich zu sein.
Glaube mir, Wladimir, eines Tages wirst du das verstehen. Die Menschen
gehen die Verbindung mit dem anderen Geschlecht nur auf
der körperlichen Ebene ein, und das immer wieder. Sie wissen nicht,
dass man auf diese Weise keine wahre Befriedigung finden kann.
Andererseits können ein Mann und eine Frau, die auf allen Ebenen
des Lebens vereint sind, wie auf einer Welle lichter Verzückung die
große Befriedigung erfahren, vorausgesetzt, sie sind vom Wunsch
nach gemeinsamem Erschaffen getrieben. Der Schöpfer hat dieses
Erleben allein dem Menschen vorbehalten. Solche Zufriedenheit,
solches Glück ist nicht von kurzer Dauer und mit den flüchtigen
leiblichen Freuden nicht zu vergleichen. Alle Ebenen des Daseins
werden diese Empfindungen aufnehmen und bewahren und dich
und die Frau glücklich machen, und sie wird in der Lage sein, ein
Kind zu gebären, das dem Schöpfer ebenbürtig ist.»
Anastasia streckte mir ihre Hand entgegen und rückte dichter an
mich heran. Doch ich sprang auf, lief rasch in eine Ecke der Höhle
und rief: «Mach den Eingang frei, oder es passiert was!»
Sie stand auf. Ich kletterte aus der Höhle und wich ein paar
Schritte von ihr zurück.
«Du hast mir das wohl größte Vergnügen des Lebens weggenommen.
Alle streben danach. Alle denken daran, auch wenn nicht jeder
darüber spricht.»
«Dieses Vergnügen ist eine Illusion, Wladimir. Ich habe dir
geholfen, dich von dieser schrecklichen, unseligen und sündhaften
Neigung zu befreien.»
«Illusion hin, Illusion her – es ist ein allgemein anerkanntes
Vergnügen. Und unterstehe dich ja, mich auch noch von meinen
anderen angeblich verderblichen Neigungen befreien zu wollen.
Sonst kann ich, wenn ich wieder nach Hause komme, womöglich
keine Frauen mehr lieben und nicht mehr essen gehen, trinken und
rauchen. Das ist für die Mehrheit in unserer Gesellschaft eine sehr
ungewöhnliche Lebensweise.»
«Was ist denn Gutes an einem Trinkgelage, am Rauchen und am
sinnlosen, ungesunden Verzehr großer Mengen von Fleisch, wo es
doch so viele wunderbare Pflanzen gibt, die insbesondere als Nahrung
für den Menschen erschaffen wurden?»
«Iss du nur deine Pflanzenkost, wenn es dir Spaß macht. Was ich
esse, das lass bitte meine Sorge sein. Vielen von uns macht es nun
einmal Spaß zu rauchen, zu trinken und ausgiebig zu tafeln. So ist
es einfach üblich bei uns, kapiert?»
«Aber all diese Dinge sind schlecht und ungesund.»
«Schlecht und ungesund? Stell dir mal vor, ich habe Gäste eingeladen
zu einer Feier, bitte sie zu Tisch und sage: <Hier habt ihr ein
paar Nüsse zum Knabbern, esst einen Apfel, trinkt etwas Wasser
und raucht bitte nicht.> Das wäre fürwahr schlecht — ein schlechter
Scherz!»
«Ist es für euch die Hauptsache, wenn ihr unter Freunden seid,
euch gleich an den Tisch zu setzen, um zu trinken, zu essen und zu
rauchen?»
«Ob Hauptsache oder nicht, spielt keine Rolle. So ist es einfach
auf der ganzen Welt Brauch. In einigen Ländern werden auch traditionelle
Gerichte serviert, wie zum Beispiel Putenbraten.»
«Aber auch in eurer Welt folgt doch nicht jeder solchen Bräuchen.
»
«Vielleicht nicht jeder, aber ich lebe nun mal unter normalen
Menschen.»
«Warum sind deine Bekanntenkreise für dich die Norm?»
«Weil die Mehrheit der Menschen so ist.»
«Hm, nicht gerade ein überzeugendes Argument.»
«Es ist vielleicht für dich nicht überzeugend – weil es einfach
unmöglich ist, dir das alles zu erklären.»
Allmählich verebbte meine Wut. Mir fiel ein, dass es Heilmittel
gab und Sexualpathologen. Wenn Anastasia mir einen Schaden
zugefügt haben sollte, so könnten die Ärzte sicher etwas unternehmen.
Also sprach ich: «Schon gut, Anastasia, wir wollen uns wieder
vertragen. Ich will dir nicht mehr böse sein. Hab Dank für die wundervolle
Nacht. Aber bitte versuche nicht mehr, mich von meinen
Gewohnheiten zu befreien. Und die Sache mit dem Sex werde ich
mit Hilfe der modernen Medizin wieder ins Lot bringen. Lass uns
baden gehen!»
Auf dem Weg zum See bewunderte ich den morgendlichen
Wald. Meine gute Laune kehrte bereits wieder zurück, da überraschte
mich Anastasia, die hinter mir ging, mit den Worten: «Deine
Arzneien und Ärzte werden dir nicht helfen. Um alles rückgängig
zu machen, müsste man das Geschehene und deine Empfindungen
aus deinem Gedächtnis löschen.»
Verblüfft blieb ich stehen. «Dann tu es bitte.»
«Kann ich nicht.»
Wieder wurde ich von einer Mischung von Zorn und Angst
überwältigt. «Du … du dreistes Ding! Mischst dich einfach in mein
Leben ein und ruinierst es. Stets bist du bereit zu neuen Gemeinheiten.
Aber wieder gutmachen kannst du sie nicht.»
«Ich habe dir nichts getan. Du wolltest doch einen Sohn! Viele
Jahre sind vergangen, und noch immer hast du keinen. Keine Frau
aus deinem Leben hätte dir einen Sohn geboren. Außerdem ist es
auch mein Wunsch, ein Kind von dir zu haben, einen Knaben. Und
ich bin auch dazu fähig. Warum machst du dir im Voraus so viele
Sorgen? Eines Tages wirst du es vielleicht verstehen … Hab bitte
keine Angst vor mir Wladimir, ich mische mich nicht in deine Psy-
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che ein. Das ist von selbst geschehen. Du hast bekommen, was du
wolltest. Aber wenigstens von einer Todsünde möchte ich dich noch
befreien.»
«Und das wäre?»
«Dein Stolz.»
«Seltsam bist du. Deine Philosophie und deine Lebensweise sind
nicht die eines Menschen.»
«Was ist denn so unmenschlich an mir, dass es dir Angst
macht?»
«Du lebst allein im Wald, du verkehrst mit Pflanzen und Tieren.
Bei uns lebt niemand so.»
«Wie soll ich das verstehen, Wladimir?», widersprach Anastasia
energisch. «Garten- und Naturfreunde haben doch auch Umgang
mit Pflanzen und Tieren, wenn auch vielleicht noch unbewusst.
Später aber wird ihnen das klar werden. Einige beginnen es jetzt
schon zu verstehen.»
«Sieh mal einer an, Gärtnerin ist sie also! Und was ist mit deinem
Strahl? Außerdem, woher weißt du so viel? Du liest doch gar keine
Bücher! Recht mystisch, das Ganze!»
«Ich kann dir das erklären, Wladimir. Aber nicht alles auf einmal.
Ich bemühe mich ja, aber mir fallen einfach keine Worte ein,
die dir verständlich wären. Glaube mir bitte. Was ich tue, ist keine
Hexerei. Eigentlich kann das jeder, denn es liegt seit Urzeiten in
der Natur des Menschen. Und die Menschen werden ohnehin zu
ihren Wurzeln, der Urquelle, zurückkehren. Das wird aber allmählich
geschehen, in dem Maße, wie die lichten Kräfte die Oberhand
gewinnen.»
«Und was ist mit deinem Konzert? Du hast mit den Stimmen
aller meiner Lieblingssänger gesungen, noch dazu in der gleichen
Reihenfolge wie auf meiner Videokassette.»
«Sieh mal, Wladimir, ich habe diese Kassette einmal angesehen.
Wie das geschehen ist, werde ich dir bei Gelegenheit erzählen.»
«Und die Texte und Melodien der Lieder hast du sogleich behalten?
»
«Ja, das habe ich. Was ist daran so Besonderes oder Mystisches?
Ach, wieso habe ich dir nur so viel erzählt und gezeigt? Jetzt fürchtest
du dich vor mir. Dumm bin ich und unbeherrscht. Mein Großvater
hatte doch Recht. Er hat mir das einmal vorgehalten. Und
ich dachte, er sage das, weil er mich liebt. Aber ich bin in der Tat
dumm. Bitte … Wladimir …»
Anastasia war ganz aufgeregt wie ein gewöhnlicher Mensch, und
das war wohl der Grund, warum sich meine Furcht vor ihr legte.
Der Gedanke an meinen Sohn drängte sich jetzt in den Vordergrund.
«Schon gut, ich furchte mich nicht mehr. Sei aber bitte etwas
zurückhaltender, so wie es dir dein Großvater riet.»
«Gut. Und mein Großvater … Ich rede und rede in einem fort.
So sehr wünsche ich mir, dir alles zu sagen. Was denkst du, bin ich
eine Schwätzerin? Ich werde mich sehr bemühen, mich im Zaum zu
halten und nur über verständliche Dinge zu sprechen.»
«Du wirst also ein Kind bekommen, Anastasia?»
«Natürlich! Nur wird es nicht zur rechten Zeit sein.»
«Zur rechten Zeit – wie meinst du das?»
«Nun, das sollte im Sommer geschehen, wenn die Natur hilft,
das Kind zu pflegen.»
«Warum hast du dich dann dafür entschieden, wenn es für dich
und das Kind so riskant ist?»
«Sei unbesorgt, Wladimir. Dein Sohn wird überleben.»
«Und du?»
«Auch ich werde mich bemühen, durch den Winter zu kommen.
Danach wird es leichter werden.»
Anastasia sagte das ohne eine Spur von Besorgnis oder Furcht
um ihr Leben. Dann nahm sie Anlauf und stürzte sich in das Wasser
des kleinen Sees. Ein Feuerwerk kleiner Wasserspritzer schoss in die
Höhe und ließ sich auf der reinen, glatten Oberfläche des Sees nieder.
Nach etwa dreißig Sekunden tauchte sie langsam wieder auf. Sie
lag auf dem Rücken, die Arme ausgestreckt, die Handflächen nach
oben gerichtet, und lächelte.
Ich stand am Ufer, schaute sie an und dachte: «Wird ein Eichhörnchen
ihr Fingerschnippen hören, wenn sie mit dem Baby in einer
Höhle liegt? Wird ihr jemand von ihren vierbeinigen Freunden
helfen? Ob die Wärme ihres Körpers wohl für das Kind ausreichen
wird?»
«Wenn mein Körper nicht warm genug ist und das Kind nichts
zu essen hat, wird es weinen», sagte Anastasia leise, während sie aus
dem See herausstieg. «Sein Wehklagen wird die vorfrühlingshafte
Natur oder einen Teil davon erwecken, und dann wird alles in Ordnung
sein. Die Natur wird sich um es kümmern.»
«Hast du meine Gedanken gelesen?»
«Nein, ich habe einfach vermutet, dass du darüber nachdenkst.
Das ist doch natürlich.»
«Anastasia, du hast gesagt, dass irgendwo in der Nähe deine Verwandten
wohnen. Könnten sie dir nicht helfen?»
«Nein, sie sind sehr beschäftigt. Ich kann sie nicht von der Arbeit
abhalten.»
«Was tun sie denn, Anastasia? Und was machst du die ganze Zeit,
wo du doch von deiner Umwelt völlig versorgt wirst?»
«Ich habe zu tun … Und ich versuche, den Menschen zu helfen,
die ihr Kleingärtner nennt.»
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Anastasias Vorliebe für Gartenfreunde
Anastasia erzählte mir ausführlich und mit Begeisterung, welche
Möglichkeiten sich dem Menschen durch den Umgang mit Pflanzen
eröffnen. Es gibt zwei Themen, über die Anastasia mit besonderer
Begeisterung, ja geradezu mit einer Art von Verzückung oder
Liebe spricht: Kindeserziehung und Kleingärtner. Wenn ich hier
alles wiedergäbe, was sie über die Kleingärtner sagt, welche Bedeutung
sie ihnen beimisst, so hätte man wohl das Gefühl, man müsse
vor ihnen auf die Knie fallen. Sie meint, dass sie uns alle vor dem
Verhungern bewahrt haben, dass sie den Samen des Guten in die
Herzen säen, dass sie die Gesellschaft der Zukunft heranbilden …
Es ist unmöglich, alle Punkte aufzuzählen. Sie würden ein ganzes
Buch füllen. Anastasia versuchte, ihren Standpunkt mit Argumenten
und Beweisen zu untermauern.
«Sieh mal, die Gesellschaft, in der du lebst, kann eine Menge
lernen durch den Umgang mit Pflanzen, wie sie zum Beispiel auf
euren Datschen* gezüchtet werden. Ja, ich meine vor allem die
Kleingärten und nicht die riesigen, unpersönlichen Felder, über
die monströse, unsinnige Maschinen kriechen. Menschen, die ein
eigenes Stück Land bearbeiten, geht es besser, und viele von ihnen
leben auch länger. Sie werden gütiger und herzlicher. Es sind auch
* aus dem Russischen (ursprünglich Schenkung eines Fürsten): Grundstück
auf dem Lande, meist mit (Holz)haus und Garten; Familienlandsitz.
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die Gartenfreunde, die uns zur Einsicht verhelfen, dass die technokratische
Entwicklung der Gesellschaft schadet.»
«Anastasia, es geht mir jetzt nicht darum, ob es so oder so ist.
Was hast du damit zu tun? Worin besteht deine Hilfe?»
Sie nahm mich bei der Hand und zog mich zu sich. Wir legten
uns mit dem Rücken ins Gras, die Handflächen nach oben.»
«Schließe die Augen, entspanne dich und versuche dir vorzustellen,
was ich dir sage. Ich werde jetzt mit Hilfe meines Strahls einen
solchen Kleingärtner suchen und aus der Ferne beobachten.»
Einige Zeit schwieg Anastasia, dann sprach sie: «Eine ältere Frau
faltet ein Stück Mulltuch auseinander, in dem angefeuchtete Gurkensamen
liegen. Die Samen haben schon gekeimt, und sie nimmt
einen Keimling in die Hand. Ich deute ihr an, dass sie die Samen
nicht so lange in dem feuchten Tuch lassen sollte, andernfalls werden
die Keimlinge nach dem Aussetzen nicht richtig wachsen. Das
Wasser, das sie benutzt, eignet sich nicht für das Wachstum, und
die Samen werden krank werden. Die Frau denkt, sie selbst sei zu
diesem Schluss gekommen. Teilweise ist es auch so. Ich habe ihr
nur etwas nachgeholfen, darauf zu kommen. Jetzt wird sie anderen
Menschen ihre Gedanken mitteilen. Eine kleine Tat ist vollbracht.»
Anastasia erklärte mir, dass sie in ihrem Geist verschiedene Situationen
imaginiert, die mit der Arbeit und Erholung des Menschen
sowie mit den Wechselbeziehungen zwischen Mensch und Mensch
sowie zwischen Mensch und Pflanzen zu tun haben. Wenn eine von
ihr imaginierte Situation sich der Realität am meisten nähert, stellt
sich ein Kontakt ein, bei dem sie den betreffenden Menschen sehen
kann und fühlt, woran er leidet und was er empfindet. Sie tritt
gleichsam in sein Bewusstsein ein und teilt ihm ihre Kenntnisse mit.
Anastasia sagte, dass die Pflanzen auch auf den Menschen reagieren,
dass sie ihn lieben oder hassen und seine Gesundheit positiv oder
negativ beeinflussen können.
«Wie du dir vorstellen kannst, habe ich eine Menge zu tun. Ich
beschäftige mich mit Gartenland. Die Kleingärtner besuchen ihre
Beete und behandeln die Pflanzen wie ihre eigenen Kinder, nur sind
leider ihre Beziehungen zu den Pflanzen völlig intuitiv. Die wahre
Bedeutung und Bestimmung dieser Beziehungen ist ihnen noch
nicht klar geworden. Alles auf der Erde — jeder Grashalm, jeder Käfer
— hat seine eigene Aufgabe und ist für den Dienst am Menschen
bestimmt. Zahlreiche Heilpflanzen bestätigen dies. Die Menschen
eurer Welt wissen davon zu wenig. Deshalb können sie diese Möglichkeit
nicht in vollem Umfang nutzen.»
Ich bat Anastasia, den Nutzen des bewussten Umgangs mit Pflanzen
an einem konkreten Beispiel zu zeigen, damit man dies in der
Praxis prüfen und wissenschaftlich untersuchen könne. Anastasia
überlegte kurz, dann strahlte sie plötzlich und rief aus: «Die Kleingärtner,
ja, meine geliebten Kleingärtner werden euch alles beweisen
und eure Wissenschaftler verblüffen. Wieso bin ich nicht früher
darauf gekommen?»
Dieser Einfall rief bei ihr stürmische Freude hervor. Übrigens habe
ich Anastasia nicht ein einziges Mal betrübt gesehen. Sie ist hin
und wieder ernst, nachdenklich oder konzentriert, doch meistens ist
sie gelöster Stimmung. Diesmal war sie von Freude überwältigt: Sie
sprang auf und klatschte in die Hände. Im Walde schien es heller
zu werden, ja er kam regelrecht in Wallung – als spreche er mit ihr
durch das Rauschen der Baumkronen und durch die Vogelstimmen.
Anastasia drehte sich wie im Tanz. Mit strahlendem Gesicht setzte
sie sich zu mir und sagte: «Jetzt werden sie es glauben, und das dank
meiner geliebten Kleingärtner! Sie werden ihnen alles erklären und
beweisen.»
Ich wollte an das unterbrochene Gespräch anknüpfen und sagte:
«Da wäre ich mir nicht so sicher. Du behauptest, jeder Käfer sei zum
Wohl des Menschen geschaffen. Wie aber kann man das glauben,
wenn man mit Ekel zusieht, wie Kakerlaken über den Küchentisch
krabbeln? Sind sie ebenfalls zum Wohl des Menschen geschaffen?»
«Kakerlaken», erwiderte Anastasia, «krabbeln nur auf schmutzigen
Tischen herum. Sie sammeln dort winzige Essensreste, die
vor sich hin faulen, und verarbeiten sie, um sie dann an einem versteckten
Ort in Form harmloser Abfälle abzulegen. Wenn es zu viele
werden, kann man sich einen Frosch ins Haus holen, dann wird es
weniger Kakerlaken geben.»
72
Die im Weiteren von Anastasia vorgeschlagenen Verfahren für
Kleingärtner widersprechen wohl der anerkannten Botanik und mit
Sicherheit den allgemein gültigen Regeln des Gartenbaus. Doch
ihre Vorschläge sind so grandios, dass ich glaube, jeder sollte sie
in seinem eigenen Garten oder einem Teil davon ausprobieren, da
sie nur von Nutzen sein und nicht schaden können. Übrigens ist
vieles davon durch die Versuche des Biologen Dr. N. M. Prochorow
bestätigt worden.
73
11
Einige von Anastasias Ratschlägen
Der heilende Samen
Anastasia erklärte: «Jeder von euch gesäte Samen enthält eine riesige
Fülle von kosmischen Informationen, weitaus mehr als irgendetwas
Menschengemachtes. So weiß der Samen bis auf die Millisekunde
genau, wann er zum Leben erwachen und wann er aufkeimen
soll, welche Säfte er dem Boden zu entnehmen hat und wie er die
Strahlung der Himmelskörper – Sonne, Mond und Sterne – nutzen
kann. Auch weiß er, zu welcher Art von Pflanze er heranwachsen soll
und was für Früchte er hervorzubringen hat. Diese Früchte sind für
die Ernährung des Menschen bestimmt. Sie sind wesentlich besser
dazu in der Lage, die Erkrankungen des menschlichen Organismus
zu bekämpfen, als jede menschengemachte Arznei, die künftigen
eingeschlossen. Aber dazu sollte der Same um die Verfassung des
Menschen wissen, um im Prozess des Heranreifens die Früchte mit
der erforderlichen Zusammensetzung der Stoffe zu versehen. Der
Same sollte also die Krankheiten eines bestimmten Menschen, auch
schon vor ihrem Ausbruch, kennen, um sie erfolgreich behandeln
zu können.
Damit eine Gurken-, Tomaten- oder sonstige Zuchtpflanze diese
Informationen erhält, muss man Folgendes tun: vor der Aussaat einen
oder mehrere Samen unter die Zunge legen und für mindestens
neun Minuten im Mund behalten.
74
Als Nächstes sollte man sie zwischen die Handflächen legen und
sie etwa dreißig Sekunden so halten, wobei man barfuß an der Stelle
steht, wo sie gesät werden sollen.
Dann öffnet man die Handflächen, hält sie vor den Mund, holt
Luft und haucht die kleinen Samen an. So werden sie erwärmt und
erkennen durch den Atem, was im Menschen ist. Nun hält man die
Samen für dreißig Sekunden in den geöffneten Handflächen und
präsentiert sie den Himmelskörpern. So wird der Same den Augenblick
seines Aufgehens ermitteln. Alle Planeten werden ihm dabei
helfen und ihm das notwendige Licht schenken. Erst jetzt wird der
Same in die Erde gesetzt. Auf keinen Fall darf man gleich gießen,
sonst spült man den eigenen Speichel und damit auch die Information
fort, die der Same speichern soll. Nach Ablauf von drei Tagen
kann man die Saat gießen.
Die Aussaat soll an einem für das jeweilige Gemüse günstigen
Tag erfolgen (diese Tage sind aus dem Mondkalender zu ersehen).
Eine verfrühte Aussaat ohne Gießen ist nicht so schlimm wie eine
verspätete. Man sollte nicht alles Unkraut jäten, das um die Keimlinge
herum wächst. Von den verschiedenen Arten des Unkrauts soll
man mindestens jeweils eine Pflanze stehen lassen. Man kann das
Unkraut aber beschneiden.»
Laut Anastasia kann also ein Same alle Informationen von einem
bestimmten Menschen sammeln und während seines Wachstums
die für diesen Menschen erforderliche Energie aus dem All und dem
Erdboden aufnehmen. Die so genannten Unkräuter solle man deshalb
nicht ausjäten, weil ihnen ebenfalls eine Bedeutung zukomme.
Einige schützen die Pflanzen vor Erkrankungen, andere vermitteln
zusätzliche Informationen. Während des Wachstums der Pflanzen
soll man mit ihnen kommunizieren, und wenigstens einmal soll
man sie bei Vollmond berühren.
Wenn der Gärtner die Früchte von Pflanzen, die auf diese Weise
gezüchtet wurden, später verzehrt, sind sie nach Anastasias Aussage
in der Lage, ihn von jeder beliebigen physischen Krankheit zu heilen,
sein Altern bedeutend zu verlangsamen, ihn von schlechten
Gewohnheiten zu befreien, seine geistigen Fähigkeiten enorm zu
75
steigern und ihm innere Ruhe zu schenken. Die Früchte haben die
beste Wirkung, wenn man sie innerhalb von drei Tagen nach der
Ernte verzehrt.
Auf diese Weise solle man mit verschiedenen Arten Gemüse
verfahren.
Man brauche nicht ein ganzes Beet von Gurken, Tomaten und
so fort anzulegen, ein paar Sträucher seien ausreichend.
Die nach diesem Verfahren gezüchteten Früchte zeichneten sich
von den üblichen nicht nur durch ihren Geschmack aus. Eine Analyse
ihrer Zusammensetzung würde ergeben, dass auch das Verhältnis
der in ihnen enthaltenen Stoffe anders ist.
Beim Pflanzen von Setzlingen müsse man mit den Händen ein
Loch graben, die Erde mit den bloßen Zehen etwas auflockern
und in das Loch spucken. Auf meine Frage, wieso mit den Zehen,
antwortete Anastasia, dass die Füße mit dem Schweiß Stoffe ausscheiden
(wohl Toxine), die Informationen über Erkrankungen des
Organismus enthalten. Diese Informationen werden von den Setzlingen
aufgenommen und an die Früchte weitergegeben, die dann
später die Erkrankungen bekämpfen können. Anastasia empfahl, ab
und zu auf dem Grundstück barfuß zu gehen.
Ich fragte Anastasia, welche Kulturen empfehlenswert seien.
Sie antwortete: «Die Vielfalt, die für die meisten Gärten typisch
ist, ist ausreichend: Himbeeren, Johannisbeeren, Stachelbeeren,
Gurken, Tomaten, Erdbeeren, Äpfel. Auch Süß- oder Sauerkirschen
und Blumen machen sich gut. Die Größe der Kulturen und die
Anbaufläche spielen keine besondere Rolle.»
Zu den Kulturen, ohne die ein wertvolles energetisches Mikroklima
auf dem Grundstück schwer vorstellbar sei, gehören Sonnenblumen
(wenigstens eine). Unerlässlich seien auch eine Fläche von anderthalb
bis zwei Quadratmetern Getreide – Roggen und Weizen –
sowie ein Areal von mindestens zwei Quadratmetern für wild
wachsende Gräser und Krauter. Wenn man in seinem Garten kein
solches Fleckchen mit natürlich gewachsenen Pflanzen habe, solle
man im Wald eine entsprechende Narbe abheben und damit eine
solche Insel schaffen.
Ich fragte Anastasia, ob es notwendig sei, jene Kulturen unmittelbar
im eigenen Garten anzupflanzen, wenn auf der anderen Seite
des Zauns alle möglichen Pflanzen vorhanden sind. Darauf bekam
ich folgende Antwort: «Nicht nur die Vielfalt der Pflanzen ist von
Bedeutung, sondern auch das Verfahren ihrer Zucht und der direkte
Umgang mit ihnen, wodurch man ihnen Informationen über seine
eigene Person mitteilt. Ich habe dir bereits von einem Verfahren
berichtet. Das ist das Grundverfahren. Es geht darum, die dich
umgebende Natur mit Informationen über dich zu sättigen. Nur
dann werden die Heilwirkung und die Versorgung deines Organismus
durch deine Gartenerträge besser sein als durch gewöhnliche
Früchte. In der wilden Natur, wie ihr sie zu nennen pflegt – auch
wenn sie nicht wild ist, sondern bloß euch unbekannt -, gibt es eine
Menge Pflanzen, mit denen man ausnahmslos alle Krankheiten heilen
kann. Die Pflanzen sind ja dafür geschaffen, doch der Mensch
hat die Fähigkeit, sie zu bestimmen, fast gänzlich verloren.»
Ich wies darauf hin, dass es bei uns viele Naturheilkundler und
Apotheken gebe, die auf Heilkräuter spezialisiert sind. Sie erwiderte:
«Der beste Arzt ist dein eigener Organismus. Ursprünglich war der
menschliche Organismus mit der Fähigkeit ausgestattet, intuitiv
zu wissen, welches Heilkraut wann anzuwenden ist. Er wusste, auf
welche Weise er zu essen und zu atmen hatte. Auch war er in der
Lage, Krankheiten bereits vor ihrem Ausbruch abzuwehren. Nichts
und niemand kann deinen Organismus ersetzen, denn er ist dein
persönlicher, gottgegebener Arzt. Ich erkläre dir, wie du ihm eine
Möglichkeit geben kannst, zu deinem eigenen Wohl tätig zu sein.
Die Wechselbeziehung mit den Pflanzen deines Gartens wird dich
heilen und für dich sorgen. Die Pflanzen werden die Diagnose stellen
und eine spezielle, auf dich abgestimmte Arznei anfertigen.»
Wen die Bienen stechen …
Anastasia sprach auch über Bienen: «In jedem Garten sollte man
mindestens ein Bienenvolk haben.»
77
Ich sagte ihr, dass bei uns nur wenige mit Bienen umgehen
können und dass selbst denjenigen, die einen Imkerlehrgang abgeschlossen
haben, die Sache nicht immer leicht von der Hand geht.
Darauf entgegnete sie: «Mit vielem von dem, was ihr für die
Bienen tut, schadet ihr ihnen nur. Nur zwei Menschen auf der Erde
haben es in den vergangenen Jahrtausenden geschafft, sich einigermaßen
in diese einzigartige Materie einzuarbeiten.»
«Wer?»
«Zwei Mönche, die später heilig gesprochen wurden. Du kannst
es in Büchern bestimmter Klosterbibliotheken nachlesen.»
«Was? Liest du etwa Kirchenliteratur? Wo und wann? Du hast
doch kein einziges Buch!»
«Das habe ich nicht nötig. Ich beziehe meine Informationen auf
vollkommenere Art.»
«Was ist das für eine Art? Du sprichst schon wieder in Rätseln.
Du hast mir doch versprochen: keine Hexerei und keine Wunder
mehr.»
«Ich werde es dir erklären. Ich kann sogar versuchen, es dir beizubringen.
Du wirst es zwar nicht sogleich verstehen, aber es ist sehr
leicht und natürlich.»
«Schön und gut, aber sag mir lieber, wie man die Bienen im
Garten halten soll.»
«Man muss ihnen einen Bienenstock geben, so wie sie ihn in
der freien Natur gewohnt sind, weiter nichts. Ansonsten muss man
ihnen lediglich einen Teil des Honigs, des Wachses und der anderen
Stoffe wegnehmen, die für den Menschen nützlich sind.»
«So einfach ist das gar nicht, Anastasia. Wer weiß denn schon,
wie so ein natürlicher Bienenstock aussieht? Wenn du mir aber verrätst,
wie man ihn aus den Baustoffen herstellen kann, über die wir
verfugen, dann wäre es schon machbar.»
«Na gut», meinte sie lächelnd. «Aber du wirst dich ein wenig
gedulden müssen. Ich muss mit Hilfe meines Strahls erst herausfinden,
was den modernen Menschen zur Verfügung steht.»
«… und wo man einen solchen Bienenstock hinstellt, sodass er
einem nicht die schöne Aussicht verdirbt», fugte ich hinzu.
«Das werde ich ebenfalls versuchen.»
Sie legte sich ins Gras, so wie sie es zuvor schon mehrmals getan
hatte, und imaginierte ihre oder genauer gesagt unsere Lebenssituation.
Diesmal beobachtete ich sie aufmerksam. Anastasia lag im
Gras, die Arme seitwärts ausgestreckt und die Handflächen nach
oben gerichtet. Ihre Finger waren etwas gekrümmt, sodass die Kuppen
ebenfalls himmelwärts wiesen.
Zunächst bewegten sich ihre Finger ein wenig, dann standen sie
still.
Ihre Augen waren geschlossen, ihr ganzer Körper war entspannt.
Am Anfang war auch ihr Gesicht entspannt, doch dann bemerkte
ich, kaum sichtbar, Spuren von Emotionen.
Später erklärte sie mir, dass diese Art des «Fernsehens» für jeden
Menschen möglich ist, der auf bestimmte Weise erzogen wurde.
Über den Bienenstock teilte mir Anastasia Folgendes mit: «Man
muss zunächst ein Gehäuse herstellen. Dazu nimmt man entweder
einen Teil eines hohlen Baumstamms und erweitert die Höhlung
mit einem Stechbeitel, oder man zimmert es aus Laubholz-Bohlen
zusammen. Hierbei sollte die Brettstärke mindestens 6 cm betragen.
Die Innenmaße sollten nicht weniger als 40 mal 40 cm sein, die
Tiefe wenigstens 1,20 m. Die Innenkanten des Gehäuses werden mit
abgerundeten Eckleisten verkleidet. Es reicht aus, die Leisten nur
leicht mit Klebstoff zu fixieren; die Bienen werden sie später selbst
befestigen und die verbleibenden Fugen abdichten. Eine Stirnseite
soll mit einem Brett von gleicher Stärke wie das Gehäuse verschlossen
werden, die andere mit einer Art Deckel. Dieser Deckel soll der
Öffnung so angepasst werden, dass er mit etwas Gras oder Tuch
dicht geschlossen werden kann. Dabei soll die Unterkante des Deckels
ganz mit dem Tuch bedeckt werden. Entlang einer der Längsfugen
des Hauses sollen etwa 1,5 cm hohe Schlitze gesägt werden.
Diese Schlitze sollen in einem Abstand von mindestens 30 cm zur
Deckelseite aufhören. Ein solches Bienenhaus kann man irgendwo
auf dem Grundstück auf Pfählen aufstellen. Dabei soll die Höhe
über dem Boden mindestens 20 bis 25 cm betragen. Die Seite mit
den Schlitzen soll nach Süden weisen.
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Der Kasten soll in einem horizontalen Neigungswinkel von 20
bis 30 Grad angebracht werden. Die Seite mit dem Deckel soll dabei
nach unten weisen. Man kann den Bienenstock auch unter dem
Dach – auf dem Speicher — aufstellen. Hierbei ist es jedoch wichtig,
dass man für ausreichende Lüftung sorgt.
Am besten befestigt man den Bienenstock direkt unter dem
Dach an der Südseite des Hauses oder auf dem Dach selbst. Natürlich
muss man dabei einplanen, dass man einen Zugang zum
Bienenhaus hat, um einen Teil der Honigwaben entnehmen zu
können.
Das Bienenhaus muss durch eine Art Dach vor der Sonne geschützt
sein. Es sollte auf einer Plattform stehen. Im Winter sollte
man es durch eine Abdeckung vor der Kälte schützen.»
Ich wies Anastasia daraufhin, dass ein solcher Bienenstock recht
schwer sein würde und dass der Sonnenschutz und die Plattform das
Aussehen des Hauses verschandeln könnten. Ich fragte sie, was man
in einem solchen Fall tun solle.
Sie sah mich ein wenig erstaunt an und sprach: «Die Sache ist
die, dass eure Imker sich nicht richtig verhalten. Großvater hat mir
das gesagt. Die heutigen Imker haben viele verschiedene Konstruktionen
für Bienenstöcke ausgeklügelt, und bei ihnen allen ist eine
ständige Einmischung des Menschen in den Bienenkasten vorgesehen.
Die Rahmen mit den Waben stellen die Imker um, und im
Winter wird der ganze Bienenstock woanders aufgestellt. So etwas
darf man nicht tun.
Die Bienen bauen die Waben in ganz bestimmtem Abstand
voneinander und planen dabei selbst das Lüftungssystem und den
Kampf mit Feinden. Jede Einmischung zerstört dieses System. Anstatt
Honig zu sammeln und Jungbienen aufzuziehen, müssen sie
dann den vom Menschen angerichteten Schaden beheben.
In der freien Natur leben die Bienen in hohlen Bäumen und
bewältigen ohne fremde Hilfe vortrefflich alle Probleme. Ich habe
dir erzählt, wie man sie in Bedingungen halten kann, die denen in
der Natur möglichst nahe kommen. Der Nutzen ihrer Anwesenheit
ist sehr groß. Sie sind die effektivsten Pflanzenbestäuber und stei-
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gern so den Ernteertrag. Das dürfte euch aber zur Genüge bekannt
sein.
Was ihr aber vielleicht nicht wisst, ist, dass die Bienen mit ihrer
Zunge jene Kanäle in den Pflanzen öffnen, durch die diese zusätzliche
Informationen von den Planeten beziehen, die für die Pflanzen
und folglich auch für den Menschen nötig sind.»
«Aber sie stechen doch die Menschen! Wie kann man den Urlaub
auf seinem Landhaus verbringen, wenn man ständig Angst
haben muss, gestochen zu werden?»
«Bienen stechen dann, wenn ein Mensch sich ihnen gegenüber
aggressiv verhält, aus Furcht nach ihnen schlägt oder allgemein mit
Aggressionen geladen ist, nicht unbedingt gegenüber den Bienen.
Sie spüren das, und sie können keine dunklen Schwingungen vertragen.
Außerdem können sie auch an Stellen stechen, die durch
innere Bahnen mit einem erkrankten Organ verbunden sind, dessen
Schutzhülle beschädigt ist oder wo es sonstige Störungen gibt.
Wie euch bekannt ist, können Bienen sehr effektiv eine Erkrankung
behandeln, die ihr Bandscheibenschaden nennt, doch das ist
bei weitem nicht das einzige, was sie können.
Wenn ich dir alles ausführlich erklären und auch noch beweisen
würde, wie du es willst, müsstest du bei mir nicht nur einige Tage
verbringen, sondern mehrere Wochen. In eurer Welt ist schon vieles
über Bienen gesprochen worden, und ich wollte eure Kenntnisse
nur in einigen Punkten vertiefen und korrigieren. Doch bitte glaube
mir, es handelt sich dabei um wichtige Punkte. Es ist sehr leicht, ein
solches Häuschen mit einem Bienenvolk zu besiedeln. Man muss
zunächst ein Stück Wachs und honighaltige Krauter hineinlegen,
dann nimmt man einen Behälter mit einem Bienenschwarm und
lässt diesen durch die Öffnung hinein. Man braucht keine Rahmen
oder Waben vorzubereiten. Später, wenn es auch auf benachbarten
Grundstücken Bienen gibt, werden sie sich vermehren, neue Völker
bilden und freie Bienenstöcke besetzen.»
«Und wie entnimmt man den Honig?»
«Man öffnet den unteren Deckel, bricht etwas von den hängenden
Waben ab und entnimmt ihnen den darin enthaltenen Honig
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und die Pollen. Aber man sollte nicht gierig sein, denn die Bienen
brauchen einen Teil für den Winter. Im ersten Jahr sollte man am
besten gar keinen Honig entnehmen.»
Morgenstunde, sei gegrüßt!
Nach dem Aufstehen empfiehlt Anastasia eine Reihe von Tätigkeiten,
ähnlich wie sie sie selbst ausübt, nur angepasst an das Leben auf
einem Familienlandsitz.
«Morgens, am besten gleich bei Sonnenaufgang, sollte man barfuß
in den Garten gehen und nach Belieben an bestimmte Pflanzen
herantreten. Man kann sie dabei auch berühren. Das sollte man
jedoch nicht schablonenhaft tun, wie ein tägliches Ritual, sondern
ganz nach Wunsch. Wichtig ist aber, dass man sich vorher noch
nicht gewaschen hat, denn die Pflanzen nehmen den Geruch der
Stoffe wahr, die der Körper während des Schlafes durch die Hautporen
ausgeschieden hat. Wenn es warm ist und man im Garten einen
Flecken mit Gras hat – was sehr zu empfehlen ist —, sollte man sich
darauf legen und sich drei bis vier Minuten lang recken. Wenn einem
dabei ein Insekt über den Körper krabbelt, sollte man es nicht
vertreiben, denn viele Insekten öffnen und reinigen die verstopften
Poren, und in der Regel verstopfen sich jene Poren, durch die viele
Toxine austreten. So befreien die Insekten uns von Krankheitserregern
und inneren Giftstoffen. Gibt es auf dem Grundstück einen
Teich oder ein Wasserbecken, so sollte man darin ein Bad nehmen.
Ansonsten kann man sich auch mit Wasser übergießen. Dabei sollte
man barfuß in der Nähe der Beete und Pflanzen stehen — besser
noch zwischen den Beeten. Und das kann man jedes Mal woanders
tun: mal neben den Himbeersträuchern, mal bei den Johannisbeeren
und so weiter. Nach dem Bad trocknet man sich nicht sofort ab,
sondern schüttelt zunächst die Wassertropfen von den Händen und
den anderen Körperteilen auf die umgebenden Pflanzen. Danach
kann man mit der Morgenhygiene fortfahren, wie man es sonst
gewohnt ist.»
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Die abendliche Wäsche
Es ist unerlässlich, sich am Abend, vor dem Schlafengehen, die
Füße zu waschen, wobei man dem Wasser ein paar Tropfen Meldeoder
Brennnesselsaft (oder beides) hinzufügt, aber ohne Seife oder
Shampoo zu verwenden. Das Waschwasser gießt man dann auf die
Beete. Erst jetzt sollte man sich, wenn nötig, die Füße mit Seife
waschen.
Dieses abendliche Verfahren ist aus zwei Gründen wichtig: Durch
das Schwitzen der Füße werden Toxine, die Träger innerer Krankheiten,
ausgeschieden. Diese müssen abgewaschen werden, um die
Poren zu reinigen, und dabei ist der Melde- bzw. Brennnesselsaft
sehr hilfreich. Indem man das Wasser auf die Beete gießt, gibt man
den Mikroorganismen und Pflanzen zusätzliche Information über
seinen aktuellen Zustand. Auch das ist ungemein wichtig, denn nur
so kann die sichtbare und unsichtbare Umwelt aus dem Kosmos
und aus der Erde die für den Menschen nötigen Stoffe auswählen
und ihm zur Verfügung stellen, sodass das normale Funktionieren
des Organismus gewährleistet ist.
Der innere Ratgeber
Ich war auch gespannt zu hören, was Anastasia über Ernährung zu
sagen hat. Denn sie selbst ernährt sich sehr eigentümlich. Also fragte
ich sie: «Sag mal, Anastasia, was denkst du, wie sich der Mensch
ernähren soll? Was soll er essen, wann, wie oft und wie viel? Bei uns
wird diesen Fragen große Bedeutung beigemessen. Es gibt etliche
Bücher zu diesen Themen: Rezepte für gesunde Ernährung, Ratschläge
zum Abnehmen und so weiter.»
«Es ist schwer, sich die Lebensweise des Menschen unter den
Bedingungen der technokratischen Welt anders vorzustellen. Diese
Welt und ihre dunklen Kräfte sind fortwährend bestrebt, die ursprüngliche
Natur des Menschen durch ein komplexes künstliches
System zu ersetzen, das dieser widerspricht.»
Ich bat Anastasia, sich konkreter und verständlicher auszudrücken,
ohne philosophische Ausführungen, und sie fuhr fort: «Sieh
mal, deine Fragen, was, wann und wie man essen sollte, kann
niemand so gut beantworten wie der Organismus des einzelnen
Menschen. Hunger und Durst sind ja nichts weiter als Signalzeichen,
wann man essen soll — nämlich genau in diesem Moment.
Die technokratische Welt ist nicht in der Lage, dem Menschen zu
ermöglichen, zu diesem günstigsten Zeitpunkt seinen Hunger und
Durst zu stillen, und so zwang sie ihn in bestimmte Schemen hinein,
angeblich aus Gründen der Zweckmäßigkeit. Stell dir einmal
vor: Jemand sitzt den halben Tag am Schreibtisch und verbraucht
fast keine Energie, während ein anderer körperlich arbeitet oder
schweißgebadet umherläuft. Der zweite verbraucht zigmal mehr
Energie als der erste, aber essen müssen beide zur gleichen Zeit. Ein
Mensch sollte in dem Moment Nahrung zu sich nehmen, wenn es
ihm sein Körper empfiehlt; einen anderen Ratgeber darf es nicht
geben.
Ich weiß wohl, unter euren Lebensbedingungen ist das fast nicht
möglich. Doch für Menschen, die auf ihrem eigenen Grundstück
mit Garten leben, besteht diese Möglichkeit. Das sollte man nutzen,
ohne die widernatürlichen Konventionen zu beachten. Etwas
Ähnliches gilt für deine Frage, was man essen soll: nämlich das,
was man gerade zur Hand hat. Der Organismus wählt selbst das
Richtige. Ich möchte dir folgenden unkonventionellen Rat geben:
Wenn man Haustiere hat – einen Hund etwa oder eine Katze -, so
sollte man sie einmal aufmerksam beobachten. Ab und zu wählen
sie aus all den Pflanzen einen bestimmten Grashalm und fressen
ihn. Genauso sollte man auch selbst einige solcher Gräser pflücken
und seiner Nahrung beimengen. Das braucht man nicht jeden Tag
zu tun, ein- oder zweimal pro Woche reicht schon. Auch sollte man
selbst Getreideähren ernten, dreschen, zu Mehl verarbeiten und daraus
Brot backen. Das ist ganz besonders wichtig. Wer solches Brot
nur ein- oder zweimal pro Jahr isst, erhält einen enormen Vorrat
an Energie. Seine inneren Kräfte werden aktiviert, sein physisches
Wohlbefinden bessert sich, und er findet seelische Ruhe. Man kann
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solches Brot auch Verwandten und Bekannten geben. Es wird auch
ihnen sehr gut tun, vor allem dann, wenn es mit Aufrichtigkeit
und Güte gegeben wird. Es ist gesund, sich wenigstens einmal im
Sommer drei Tage lang nur von dem zu ernähren, was im eigenen
Garten wächst. Diese Dinge kann man mit Brot, Sonnenblumenöl
und ein wenig Salz ergänzen.»
Ich habe bereits erzählt, wie sich Anastasia ernährt. Auch während
sie nun sprach, pflückte sie ab und zu unwillkürlich einen
Grashalm und begann ihn zu kauen. Sie reichte auch mir davon,
und ich beschloss, es zu probieren. Nicht, dass mir die Halme besonders
mundeten, aber übel schmeckten sie auch wieder nicht.
Für Anastasias Ernährung und sonstige Versorgung ist sozusagen
die Natur zuständig. Sie selbst lässt sich von diesen Dingen nicht
ablenken; gedanklich ist sie immer mit anderen Problemen beschäftigt.
Indes ist ihre Gesundheit ein untrennbarer Bestandteil ihrer
außergewöhnlichen Schönheit. Ihrer Ansicht nach bietet sich einem
Menschen, der ähnliche Beziehungen mit der Pflanzenwelt und der
Erde seines Gartens hergestellt hat, die Möglichkeit, ausnahmslos
von allen Krankheiten geheilt zu werden.
Eine Krankheit beruht an sich darauf, dass ein Mensch die natürlichen
Vorgänge, die für seine Gesundheit und seine Versorgung
zuständig sind, ignoriert. Und für diese Mechanismen der Natur ist
es kein Problem, eine beliebige Erkrankung zu heilen, denn genau
zu diesem Zweck sind sie ja da. Der Nutzen, den ein Mensch aus
dem Informationsaustausch mit einem kleinen Stück Land zieht, ist
bedeutend größer als der des direkten Kampfes gegen die Krankheiten.
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Träumen unter dem eigenen Stern

Anastasia Tochter der Taiga